Berlin : Keine werbefreien Schulen mehr

REGINA MÖNCH

"Das können wir uns nicht mehr leisten" / Senatsverwaltung will aber über Freiraum für Firmen selbst entscheidenVON REGINA MÖNCH BERLIN.Not macht erfinderisch, jetzt lockert sie sogar das Werbe-Verbot an den Schulen.In den nächsten Wochen, teilte die Senatsschulverwaltung mit, werde ein Rundschreiben darüber informieren, was nunmehr anders sein darf und welche Grenzen als unüberschreitbar zu gelten haben.Denn der niederländische Alptraum, wo sich eine bekannte Schnellimbiß-Kette sogar längere Pausenzeiten ausbat, soll sich nicht wiederholen.In den Niederlanden war es Schulen freigestellt worden, wie sie ihre Finanzlöcher flicken. Auch die neue Berliner "Allgemeine Anweisung über Werbung, Handel, Sammlungen und politische Betätigung" nennt als obersten Grundsatz nicht mehr das Verbot, sondern die "Ausschöpfung aller vertretbaren Einnahmequellen".Der Hamburger-Produzent fing in Holland zum Beispiel edel und bescheiden an: Zuerst sponserte er den Bau von Klassenräumen, wollte aber bald landesweit den Betrieb von Schulkantinen übernehmen.Damit sich das rechnete, sollte den Kindern ausreichend Zeit zum Fritten- und Burgerkonsum eingeräumt werden.Erst da wachte das niederländische Bildungsministerium auf und muß nun Schadensbegrenzung betreiben. Rainer Höttler, Chef der Grundsatzabteilung der Schulverwaltung, sagt zwar auch, daß es eine "werbefreie Schule" nicht mehr geben werde, weil "wir uns das nicht mehr leisten können".Doch entscheide man in Berlin vorher, welche Gegenleistungen Firmen verlangen dürfen.Die Pädagogik bleibe gewiß einzig Sache der Lehrer, betont Höttler.Die alte AV Werbung, deren Verfallsdatum ohnehin Jahre zurückliegt (sie lief 1992 aus), soll nicht mehr neu gefaßt werden.Doch die darin schon beschriebenen Verbote wie das der Alkohol- und Nikotinwerbung bleiben genauso bestehen wie das für politische Parteien und religiöse Vereine.Was heißen soll: Jeder darf Kinder großzügig unterstützen, keiner sie dafür indoktrinieren oder auch nur ansatzweise auf die eigenen Ideen oder Ideale einschwören.Auch wird der Staat seine Bediensteten, die Lehrer und Erzieher, nach wie vor selbst bezahlen.Und die Schulbücher werden werbefrei sein. Neu formulieren müsse man, betont Höttler, wo die pädagogisch zu verantwortenden Grenzen zu ziehen sind.Ein Getränke-Hersteller, eine Elektronik-Firma und ein privater Sender haben einer Schöneberger Schule einen eigenen Schulfunk spendiert.Das sei sehr zu begrüßen, meint der Beamte.Schon jetzt engagiere sich zum Beispiel je eine Berliner Bank für die Ausstattung der drei Berliner Sportoberschulen. Auch das diesjährige Herbstfinale von "Jugend trainiert für Olympia" wäre ohne Sponsoren nicht mehr in der Stadt zu halten, sagte Höttler.Seit fast drei Jahrzehnten finden diese Wettbewerbe in Berlin statt - an den Disziplinen beteiligten sich bundesweit wieder fast 700 000 Jungen und Mädchen."Doch der Etat ist drastisch gekürzt worden." Von 2,7 Millionen Mark blieben 1,2 Millionen übrig. Peter Schuster, bildungspolitischer Sprecher der SPD, hofft, daß neben der neuen Verordnung auch die Erziehung zum reflektierten Umgang mit Werbung überdacht wird.Er frage sich allerdings, warum "das, was Coca Cola in Schulen gestattet wird", Parteien verboten bleiben soll und nicht einmal eine kritische Diskussion angekündigt werden dürfe. Sybille Volkholz, Bildungspolitikerin der Bündnisgrünen, hält die Lockerung des einst starren Verbotes für zeitgemäß und längst überfällig.Computer und ähnlich teure, aber unbedingt notwendige moderne Medien, meint sie, seien für Schulen unbezahlbar, könnten sie sich nicht auf Sponsoren stützen.Pädagogisch vertretbare Grenzen wären für sie erreicht, wenn zum Beispiel ein Schulfunk-Sponsor über den Inhalt des Programmes zu entscheiden wünsche.Auch die CDU-Politikerin Marion Kittelmann begrüßt die neue Werbeordnung, warnt aber vor einem Gefälle zwischen gut und schlecht ausgestatteten Schulen."Denn wer will schon ein Kellerkind sponsern?" fragt sie.

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