Berlin : Kennzeichen CD - die Welt in Berlin (18): Eine Amerikanerin für Estland in Berlin

Andrea Exler

Im Grundbuch stand: "Der Eigentümer ist nicht anwesend". Die Stadtverwaltung hatte das zweistöckige Gebäude in Tiergarten längst zum Mietshaus umfunktioniert, denn mit der Rückkehr des Besitzers rechnete niemand. Es war die Phantom-Republik Estland, die Stalin 1940 der Sowjetunion einverleibt hatte. Doch zwei Jahre nach dem Fall der Mauer erklärte der baltische Staat seine Unabhängigkeit. Die estnischen Vertreter staunten, als sie wenig später die einstige Botschaft besichtigen kamen.

"Die Empfangssäle im Erdgeschoss waren zu Drei-Zimmer-Wohnungen umgebaut worden, und die Mieter schienen Lust auf Umzug zu haben", sagt Riina Kionka, seit einem Jahr Botschafterin Estlands in Berlin. Erst nach einem aufwändigen Umbau konnten die Esten diesen Sommer in das Haus zurückkehren, in dem von 1920 bis 1940 die Vertreter der ersten Republik Estland residiert hatten. In der vergangenen Woche ist die Botschaft feierlich eröffnet worden. "Wir wollten zurück zu den Wurzeln", erklärt Kionka. Das ist nämlich ihr Lieblingsthema. Als die promovierte Politologin 1960 in Detroit zur Welt kam, existierte das Land, das sie heute vertritt, schon lange nicht mehr. Die Tochter einer aus Estland stammenden Mutter und eines Amerikaners, dessen Urgroßvater aus Schlesien zugewandert war, wuchs als amerikanische Staatsbürgerin auf. Mit der Mutter sprach sie Estnisch, aber darin erschöpften sich auch schon die Bindungen an das Herkunftsland.

Kionka war 25 Jahre alt, als sie zum ersten Mal für ein paar Tage in das heutige Estland reisen konnte. "Bis dahin war die Heimat meiner Mutter für mich ein Märchenland", erinnert sich die Diplomatin. Während des Aufenthalts in der Hauptstadt Reval erlebte sie viele Überraschungen. Zwar hatte sie Russisch gelernt und arbeitete an ihrer Dissertation über den Ostblock. Doch das Estland ihrer Mutter, die 1944 vor Stalin geflohen war, existierte nicht mehr.

Fast ein halbes Jahrhundert kommunistischer Herrschaft hatten nicht zuletzt die Sprache geprägt. "Ich beherrschte nur das Estnisch, das meine Mutter als junges Mädchen gesprochen hatte", sagt Kionka. "Die Leute fanden das bizarr." Dafür sprach sie fließend Deutsch. An der Michigan State University hatte sie neben Politik auch Germanistik studiert, und seit 1988 lebte sie in Deutschland. In Bonn hatte sie zwei Jahre lang für ihre Doktorarbeit geforscht, später war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Radio Free Europe in München. Der vom US-Kongress finanzierte Sender produzierte politische Programme für die Länder des Ostblocks. "Das war Teil der US-Außenpolitik", sagt Kionka. Ihr Spezialgebiet war natürlich Estland. "Durch die Arbeit knüpfte ich viele Kontakte, und 1992 bot man mir einen Posten als politische Direktorin im estnischen Außenministerium an." In jenem Jahr gaben sich die Esten eine neue Verfassung, die ersten freien Wahlen und eine Währungsreform fanden statt. Aufbruchsstimmung in der jungen Demokratie. "Jetzt oder nie, dachte ich mir", sagt Kionka. Dennoch bat sie um Bedenkzeit. "In München hatte ich einen sicheren Job und ein schönes Leben." Schließlich siegte die Reiselust, und im März 1993 trat sie in Reval ihr Amt an. Dort hatte sich mancher Este noch nicht an die neuen Verhältnisse gewöhnt, und Kionka entdeckte, wie amerikanisch sie dachte. Als sie im Lager einmal Bleistifte holen wollte, bot ihr die Magazinverwalterin Sandalen und Hackfleisch an. "Ich traute meinen Ohren nicht." Selbst im Außenministerium blühte noch der Tauschhandel aus den Zeiten der Mangelwirtschaft.

"Heute ist Estland moderner als einige westeuropäische Länder", erzählt Kionka. Selbst im Taxi könne man mit Kreditkarte zahlen. Tatsächlich war die Entwicklung rasant. Heute gehört die Republik zu den Kandidaten der EU-Osterweiterung. Modern sind auch die Geschlechterverhältnisse in dem einst sozialistischen Staat. "Ein Viertel der weltweit 37 estnischen Botschafter sind Frauen", sagt Kionka. Zurzeit kümmert sich ihr Ehemann Lauri Lepik zu Hause um die beiden Kinder.

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