Berlin : Kicken, bis der Arzt kommt

Fußball kann gefährlich werden, für Profis wie für Amateure. Bänderriss, Knorpelschaden oder Zerrung – wie’s passiert und wie man vorbeugen kann. Außerdem: das Präventionsprogramm der Fifa

Sebastian Leber

Bei Michael Ballack war es die Wade, bei Robert Huth das Sprunggelenk. Philipp Lahm musste am Ellenbogen operiert werden. Und das alles, bevor die WM überhaupt begonnen hatte – „keine außergewöhnliche Quote“, sagt Ulrich Schleicher. Der Mannschaftsarzt von Hertha BSC weiß, dass Verletzungen zum Fußball dazugehören wie Fankurve und Schiedsrichter. Der Fußball-Weltverband Fifa hat ausgerechnet, dass sich in jeder Profimannschaft pro Saison vier bis acht Spieler ernsthaft verletzen. „Und im Amateurbereich sieht es noch deutlich schlimmer aus“, sagt Ulrich Schleicher. Mit 350 000 verletzten Freizeitkickern pro Jahr in Deutschland zählt Fußball zu den Sportarten mit den meisten Verletzungen, schätzen Experten. Während Bundesliga-Spieler täglich trainieren, haben Amateurkicker unter der Woche oft kaum Zeit zum Üben. Und wer untrainiert auf dem Platz steht, verletzt sich leichter. Oder andere – wie beim „1. Internationalen B-Jugendturnier“ des BFC Dynamo mit 28 Mannschaften aus Deutschland, Polen und Schweden.

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VfB Lübeck : SV Darmstadt 98. Eine Viertelstunde ist gespielt, da liegt der Darmstädter Kapitän am Boden. Sein Gegenspieler macht Handzeichen, er habe den Ball gespielt. Aber da war kein Ball. Da waren nur Knöchel.

Die Blutgrätsche: von hinten oder seitlich in den Gegner rein, das beendet jeden Spielzug. Und meistens trifft es das Sprunggelenk des Gefoulten, die Verbindung zwischen Bein und Fuß. Im Glücksfall ist es nur verstaucht, aber auch Knochenbrüche kommen vor. Einmal umknicken reicht aber auch schon. Je unebener der Platz, desto größer die Gefahr. 20 Prozent aller Fußballverletzungen betreffen das Sprunggelenk, sagt Hertha-Mannschaftsarzt Ulrich Schleicher.

Um die Bänder am Sprunggelenk zu stärken und widerstandsfähiger zu machen, empfehlen Profis gezielte Übungen. Herthas Fitness-Trainer Carsten Schünemann schickt seine Spieler jeden Tag vor dem Aufwärmen auf spezielle Geräte. Zum Beispiel auf das „Posturomed“, eine deutsche Erfindung aus den 90er Jahren. Da steht der Spieler barfuß auf einer schwingenden Plattform und muss sein Gleichgewicht halten. Genauso gut ist das „Wackelbrett“, eine einfache Platte, auf einer Halbkugel gelagert. Ein Wackelbrett kostet rund 90 Euro. Das sollte sich jeder Amateur-Verein leisten können, findet der Trainer.

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BFC Dynamo : Dynamo Dresden. Nummer Acht, der Berliner Außenverteidiger, krümmt sich auf dem Rasen und hält sich das Knie. Merkwürdig: Es war gar kein Gegner in der Nähe.

Die Knie sind die Schwachstelle jedes Fußballers. Verletzungen kommen zwar seltener vor als beim Sprunggelenk, dafür haben sie oft dramatische Folgen. Knieprobleme können Fußballkarrieren beenden, nicht nur unter Profis. Besonders häufig trifft es den Meniskus, den Knorpel im Kniegelenk. Besonders gefürchtet: Verletzungen an den inneren Bändern – Kreuzbänder genannt. Wenn die reißen, drohen sieben Monate Pause. Die meisten Kreuzbandverletzungen entstehen ohne Fremdeinwirkung. Nicht ganz unschuldig daran sind die Stollenschuhe. Früher waren die Noppen unter den Sohlen rund, inzwischen nierenförmig. Das gibt mehr Standfestigkeit, hat aber den Nachteil, dass man bei plötzlichen Richtungswechseln im Rasen hängen bleiben kann.

Für die Stärkung der Kniegelenke bieten sich ebenfalls Übungen auf dem Wackelbrett an. „Zur Not tun es auch die großen Weichbodenmatten, die man aus dem Sportunterricht in der Schule kennt“, sagt Fitness-Trainer Schünemann. Für zu Hause rät er, einfach mehrere Handtücher aufeinander zu stapeln. „Das klingt erstmal spaßig, aber nur so lange, bis man darauf balancieren muss.“

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VfL 93 Hamburg : SC Weyhe. Noch 30 Minuten bis Spielbeginn. Der Hamburger Trainer wird unruhig. „Jungs, auf den Platz. Zeit zum Lockermachen.“

Da hat er Recht. Das Aufwärmen wird in Freizeit-Ligen allgemein unterschätzt. 15 bis 20 Minuten sind das Mindeste, eine halbe Stunde wünschenswert. Beim Warmlaufen können die Spieler bereits den Ball vor sich herkicken. Wichtig ist, das Tempo nur langsam zu steigern. Außerdem, so hat Herthas Arzt Schleicher beobachtet, „wird das Abwärmen meistens gleich ganz vergessen“. Dabei sei ein zehnminütiger Dauerlauf ratsam. „Und zwar deswegen, weil sich Stoffwechselprodukte in den Muskeln gesammelt haben. Wenn die Durchblutung noch einige Zeit angeregt bleibt, können diese abgeführt werden und setzen sich nicht fest.“ Das beschleunigt die Regeneration des Körpers.

Wer das Aufwärmen vor dem Spiel vergisst, riskiert eine schmerzhafte Muskelzerrung. Oder noch schlimmer: einen Riss von Muskelfasern, der klassischerweise bei schnellen Bewegungen wie kurzen Sprints auftritt. Zur Stärkung der Muskeln empfiehlt Herthas Arzt Schleicher „als Ergänzung etwas Kraftsport zu machen.“ Und gezielt im Fitness-Studio die Muskeln zu stärken, die beim Fußball vernachlässigt werden: die geraden und schrägen Bauchmuskeln, Rücken- und Schultermuskeln.

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SG Rosenhöhe-Offenbach : SVA Bad Hersfeld. Der Star von Rosenhöhe heißt Yassin. Sobald der Stürmer am Ball ist, rufen alle seinen Namen. Und er ist oft am Ball, geht immer dahin, wo es weh tut. Manchmal tut es sehr weh.

Stürmer sind besonders verletzungsgefährdet, sagt Schleicher. „Einmal, weil die Abwehrspieler nicht zimperlich sind.“ Andererseits, weil sie überdurchschnittlich viele kurze Sprints einlegen und sich deshalb mit der Zeit automatisch so genannte „s chnellzuckende Muskelfasern“ antrainieren, die leichter reißen. Die meisten Verletzungen passieren im Fußball gegen Ende einer Halbzeit. Das hat nichts mit dem Spielstand zu tun, sondern damit, dass die Muskeln müde werden und die Konzentration nachlässt.

Schleicher rät, Fußballverletzungen grundsätzlich nur bei Ärzten oder Physiotherapeuten mit sportmedizinischer Erfahrung behandeln zu lassen. Außerdem sollte sich jeder Freizeitfußballer, egal wie gesund er sich fühlt, zumindest einmal von Kopf bis Fuß auf mögliche, bisher nicht entdeckte Krankheiten und Fehlbildungen untersuchen lassen. „Sinnvoll sind ein Belastungs-EKG und eine Herz-Ultraschalluntersuchung beim Internisten. Und ein Besuch beim Orthopäden, der sich den Bewegungsapparat anschaut.“ Vernachlässigt werde bei Freizeitfußballern auch die medizinische Erstversorgung auf dem Platz:

Bei jedem Spiel, jeder Trainingseinheit sollten eine Kühlbox mit Eis und Druckverbände bereitstehen, sagt Ulrich Schleicher. Damit man im Notfall sofort die P.E.C.H.-Regel befolgen kann: „Pause, Eis, Compression, Hochlagern“. Wer nämlich Blutungen und Schwellungen früh behandelt, verkürzt den Heilungsprozess.

Auch die Fifa ist inzwischen auf die vielen Verletzungen in Freizeit-Ligen aufmerksam geworden – und hat Sportmediziner beauftragt, ein Präventionsprogramm für Amateure zu erstellen, das Muskeln und Bänder gleichermaßen stabilisiert. Das Ergebnis heißt „Die 11“ und führt zehn Übungen auf, die Spieler nach dem Aufwärmen machen sollten. Zum Beispiel Kniebeugen auf einem Bein, Luftsprünge aus dem Stand, Zickzacklaufen oder Unterarmstützen.

Aber warum heißt es „Die 11“, wenn es nur zehn Übungen sind? Weil es da noch einen weiteren Punkt gebe, sagt die Fifa, ohne den auch die besten Übungen nutzlos sind: Fair Play.

Das Präventionsprogramm der Fifa kann man im Internet kostenlos als PdfDokument runterladen. Den Link gibt’s unter www.tagesspiegel.de/training.

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