Berlin : Kinder der Kunstkaserne

Malerin Sabine Dehnel und Möbeldesigner Andreas Berlin leben und arbeiten, wo Soldaten exerzierten.

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Couch-Potatoes. Sabine Dehnel und Andreas Berlin wohnen am Südkreuz und haben vor kurzem die „LSD“- Galerie in der Potsdamer Straße eröffnet. Foto: Thilo Rückeis
Couch-Potatoes. Sabine Dehnel und Andreas Berlin wohnen am Südkreuz und haben vor kurzem die „LSD“- Galerie in der Potsdamer...

Da staunen nicht nur Kunstsammler. Besucher der Künstlerin Sabine Dehnel und des Möbeldesigners Andreas Berlin landen erst einmal in der Küche. Diese ist längs der Wände des breiten Flurs einer ehemaligen preußischen Kaserne am Südkreuz installiert. Geht man weiter, fühlt man sich wie in einer Galerie. Und am Ende kommt das Werkstattgefühl, dort stehen Pappsofas aus der Möbeldesignwerkstatt. Wo einst Soldaten lebten, herrscht jetzt Kunst – abseits der ausgetretenen Trampelpfade. „Für viele Berliner ist dies unerforschtes Terrain, hier ist ja auch ganz viel Industrie ringsum“, sagt Dehnel, 41. Vor sieben Jahren ist die Malerin und Fotografin mit ihrem Mann aus Wiesbaden nach Berlin gezogen. Barcelona hätte sie auch gereizt, aber heute sind sie froh, sich für Berlin entschieden zu haben, weil in Spanien gerade nicht allzu viel Geld für Kunst und Design ausgegeben werden kann.

An der Potsdamer Straße 65 haben sie vor kurzem die „LSD-Galerie“ eröffnet. Der ausgeschriebene Titel der Ausstellung lautet: „Lucy in the Sky with Diamonds“, nach dem gerne für eine Drogenfantasie John Lennons gehaltenen Beatles-Song. Den Namen haben sie gewählt, „weil wir was Prägnantes suchten“, sagen Dehnel und Berlin. „Außerdem hoffen wir, dass Kunst auch süchtig machen kann.“

Natürlich sei die Konkurrenz unter Galerien und Künstlern in Berlin größer als in anderen Städten. Heute seien Orte wie die frühere Kaserne am Werner-Voß-Damm, die wegen der anderen Künstler, die dort wohnen, in der Nachbarschaft auch „Kulturkaserne“ genannt wird, kaum noch zu finden. In den 30er Jahren gab es in den Kellern ein berüchtigtes SA-Gefängnis, später waren auf dem Gelände ein Aufnahmelager für DDR-Flüchtlinge und Teile der Senatsreserve untergebracht. Dass heute Künstler hier leben, spiegelt auch die Entwicklung der Stadt zum Guten. In dem Flur haben sie mal eine lange Tafel aufgebaut für ein Dinner mit 40 Sammlern. „Das war eine tolle Atmosphäre.“

Im Wohnzimmer hängt eine Fotocollage von Sabine Dehnel: rote Blumen und teils rote Beine, davor stehen in einer Vase die Blumen, die als Vorlage dienten. Inszenierte Fotografie als Kunstform gibt es seit zehn Jahren. Dabei soll vor allem das Dokumentarische der Fotografie infrage gestellt werden. „Wenn man sich an Situationen erinnert, werden sie in der Erinnerung umgeformt.“

Der Diplom-Ingenieur Andreas Berlin spricht weniger poetisch. Das rote Sofa, das den Raum dominiert, ist einer seiner Entwürfe. Er baut die Möbel aus Pappe für Unternehmen im oberen Marktsegment. Die Prototypen werden in den Fabriken gebaut, bevor sie in Serie gehen. Das Sofa hat er sich fertig zurückgekauft. „Manchmal kaufe ich meine eigenen Designstücke, obwohl sie teuer sind“, sagt der 47-Jährige. In der Ecke steht eine weiße Couch auf Rädern, die mithilfe einer Fernbedienung zu einem Doppelbett auszustrecken ist, auch ein Teil aus seiner Werkstatt. Seine Objekte sind etwa im „Stilwerk“ an der Kantstraße erhältlich.

Dass sie in diesem Ambiente leben und arbeiten können, ohne in Konkurrenz zueinander zu stehen, empfinden Sabine Dehnel und Andreas Berlin als Privileg. Natürlich sind sie damals auch nach Berlin gekommen, weil es billig war, weil die Stadt im Fokus internationaler Sammler stand. Für die LSD-Galerie gibt es zunächst einen Zweijahresvertrag. Dort sind derzeit Werke von Sabine Dehnel und Anna Lehmann-Brauns zu sehen.

In vielerlei Hinsicht wirkt die Stadt selbst auch inspirierend auf die Künstler, beispielsweise auf Dehnels aktuelle Serie „Mona“. Ein Foto von Astrid Lindgren steckt in einem Medaillon, das in eine Korsage aus Lakritzschnüren integriert ist. Sabine Dehnel will den Blick des Betrachters auf Accessoires und Details lenken, die eine Person ausmachen. In der Ausstellung über die Fotografin Diane Arbus hat Sabine Dehnel im Gropius-Bau ein Selbstporträt als Schwangere aus dem Jahr 1971 entdeckt. Das ist ihr Geburtsjahr, und weil sie auch schwanger ist, hat sie dieses Medaillon in ihr eigenes Dekolleté gehängt und ihre Haut selber bemalt. Eine Kollegin hat für die Fotoaufnahme dann auf den Auslöser gedrückt.

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