Kinder im Krankenhaus : Ganz spezielle Patienten

Keiner geht gern ins Krankenhaus, am wenigsten Kinder. Der Berliner Verein „Hummelkind“ will ihnen helfen - mit Besuchen am Krankenbett und mit einer Buchreihe.

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Visite. Der Verein schickt auch Medizinstudenten zu Besuch auf Station.
Visite. Der Verein schickt auch Medizinstudenten zu Besuch auf Station.Foto: Picture Alliance

Es tut weh, aber nur ganz kurz. Bevor der Rücken im CT untersucht wird, muss dem Kind ein Kontrastmittel gespitzt werden. Immerhin sorgt die „Spür-Nix“-Salbe dafür, dass der Schmerz nicht anhält. Außerdem weiß das Kind Bescheid über das Wie und das Warum der Untersuchung. „Das hältst Du aus, Du bist doch tapfer!“, hat ihn gerade die Heldin eines Kinderbuches beruhigt. Eine kleine Hummel namens Kira, die auch schon einmal ein solches Computer-Tomogramm brauchte. In dem bunt illustrierten, ringgehefteten Büchlein „Skoli…-was?“ erklärt sie Kindern im Grundschulalter, was eine Skoliose ist und wie diese S-förmige Verkrümmung des Rückgrats behandelt werden kann.

„Für kleinere Kinder gibt es schon viele Bilderbücher, die sich mit dem Leben in der Klinik beschäftigen“, sagt die angehende Medizinerin Kathrin Schmidt. „Aber ab dem Alter von acht bis neun Jahren fordern die Kinder eine andere Art der Aufklärung ein. Sie möchten, dass man ehrlich und auf Augenhöhe mit ihnen spricht.“ Sie wollen wissen, welche Untersuchungen und Behandlungen auf sie zukommen und warum das sein muss. In der Bereitschaft, auch schlechte Nachrichten aufzunehmen, seien Grundschulkinder oft weiter, als die Erwachsenen denken, sagt Schmidt. Viele Kinder machten sich in diesem Alter darüber hinaus Sorgen um ihre Eltern, deren Traurigkeit und Ratlosigkeit angesichts einer ernsten Diagnose sie genau spüren.

Die Physiotherapeutin und Medizinstudentin ist selbst Mutter von drei Kindern. Und sie ist zusammen mit Caroline Körner Mitinitiatorin des Projekts „Hummelkind“, das als gemeinnütziger Verein organisiert ist und von Spendengeldern lebt. Die beiden jungen Frauen haben sich – wie könnte es anders sein? – in einer Klinik kennengelernt. „Wir sind nach der OP nebeneinander aufgewacht“, erzählt Körner. Jetzt organisiert der Verein seit eineinhalb Jahren Visiten, für die Studierende der Humanmedizin auf Kinderstationen kommen. Neben Kuscheltieren können sie inzwischen dort auch, je nach Bedarf, eines ihrer drei Bücher verteilen.

Wofür braucht man eine Bettpfanne?

Zu Kira, die über Skoliose informiert, ist nämlich Simon gekommen, der operiert werden muss und anderen Kindern erzählt, wie in einem solchen Fall die Vorbereitungen laufen, welche Sachen man in die Klinik mitbringen sollte, wie dort eine Narkose gemacht wird und wofür man nach der Operation zum Beispiel eine Bettpfanne brauchen kann. Für einen Vorgang, der im Krankenhaus merkwürdigerweise „Stuhlgang“ heißt.

Sicher die heikelste Aufgabe hat Finn, der krebskranken Kindern Beistand leisten soll. Viele von ihnen müssen etwas tun, das Kindern heute nach Möglichkeit erspart wird: Besonders lang im Krankenhaus bleiben. Finn erklärt jungen Patienten sehr anschaulich, wie ihnen dort geholfen wird. Er berichtet aber auch, wie Zellen sich vermehren – und dass es unter ihnen bösartige Exemplare gibt, die Menschen die Energie und sogar das Leben nehmen können, weil der Körper nicht allein mit ihnen fertig wird. Auf den Illustrationen erscheinen sie in gefährlichem Knallrot.

Dabei bleibt Finn sachlich. Fast würde man sich wünschen, dass ihm auch einmal ein Schimpfwort entfährt, wenn er über die ausbreitungswütigen Schmarotzer im Inneren spricht. Krebszellen sind schließlich ganz schöne Mistkerle! Von der Sache her wäre es zudem schön, wenn bei dieser Gelegenheit näher auf ein paar Krebserkrankungen eingegangen würde, die speziell Kinder häufig treffen. Etwa Tumoren im Kopf oder auch Blut- und Lymphdrüsenkrebs, bei dem nicht Operationen, sondern verschiedene Chemotherapien im Vordergrund stehen.

Beitrag zur Normalität

Einige Kinder werden sich über ihre eigene Krankheit schon auf andere Weise schlau gemacht haben – schlauer als Finn, Simon und Kira sein können, die ihre persönliche Geschichte nicht kennen. Doch vielleicht lesen ihre Freunde und Geschwister die Erläuterungen des Büchleins, an dessen Abfassung auch Ärzte und Psychologen beteiligt waren, mit Gewinn. Das könnte ihnen die Berührungsängste nehmen und zur Normalität beitragen, etwa, wenn ein Kind nach einer langen Krebsbehandlung zurück in die Schule kommt. Oder wenn eine Mitschülerin, deren Rücken wegen einer Skoliose behandelt wurde, im Sportunterricht nicht alles mitmachen darf.

Fernziel der Autorinnen ist es, ihre Informationen auch in anderen Sprachen ans kranke Kind zu bringen. Faltblätter in englischer und arabischer Sprache sind inzwischen schon entstanden. In den nächsten Büchern soll es um die chronischen Krankheiten Diabetes (vom Typ I) und Mukoviszidose gehen. Außerdem planen die Autorinnen ein Buch über den menschlichen Körper. Darüber, wie er funktioniert, wenn alles in Ordnung ist. „Auch die gesunden Kinder sollen ihre Neugier befriedigen können“, sagt Kathrin Schmidt.

Umfassende Informationen zur stationären Therapie von Erkrankungen bei Kindern und zum Alltag in den Berliner Krankenhäusern finden Sie in dem Magazin „Tagesspiegel Kliniken Berlin“. Das Heft kostet 12,80 Euro (Tagesspiegel Abonnenten zahlen 9,80 Euro) und ist erhältlich im Tagesspiegel-Shop unter Telefon 29021-520 und im Internet unter www.tagesspiegel.de/shop. Mehr Informationen zum Verein Hummmelkind unter www.hummelkind.info. Die Bücher sind im Verlag Lehmanns Media erschienen, sie kosten zwischen 9,95 und 12,95 Euro (www.lehmanns.de).

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