Berlin : Kinderärzte verreist: Klinikambulanzen in Not

Patienten müssen oft stundenlang warten Rettungsstelle ruft Mitarbeiter aus Urlaub zurück.

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Auf einen derartigen „Ansturm“ sei das Sana-Klinikum in Lichtenberg nicht vorbereitet gewesen, sagt Olaf Göing: 84 Patienten haben am Donnerstag die Rettungsstelle besucht, fast drei Mal so viele wie üblich. „Wir mussten Ärzte und Schwestern aus allen Bereichen zur Unterstützung holen.“ Göing ist Chefarzt der Kardiologie und stellvertretender Direktor im Sana-Klinikum. Nun hat er einen Notfallplan erarbeitet, um die Versorgung bis ins neue Jahr zu gewährleisten: Die Belegschaft der Rettungsstelle wird verdoppelt, Kollegen müssen auf ihre freien Tage verzichten.

Es ist in der Zeit zwischen den Feiertagen nicht leicht, medizinische Hilfe zu finden. Gerade, was die Kinderärzte betrifft, scheint Berlin chronisch unterversorgt zu sein: Wenn das Kind auf einmal hohes Fieber bekommt oder der Husten immer hartnäckiger wird, hilft ein Anruf beim Kinderarzt oft nicht weiter. In vielen Fällen erreicht man nur einen Anrufbeantworter, die Praxis ist geschlossen. Die telefonische Ansage empfiehlt dann lediglich die Erste-Hilfe-Stellen in den Krankenhäusern. Und diese sind, wie das Sana-Klinikum, dem Ansturm kaum gewachsen. Eine Vivantes-Sprecherin bestätigt, dass es in den Rettungsstellen derzeit „sehr voll“ ist.

Das Problem, dass gerade an Feiertagen die Erste-Hilfe-Stellen der Kliniken besonders von Eltern mit ihren kranken Kindern aufgesucht werden, gibt es schon seit Jahren. Aber für den Kinderarzt Peter Hauber, dessen Steglitzer Praxis stets an Wochenenden und Feiertagen geöffnet ist, stellte sich die Situation über die Weihnachtstage in diesem Jahr als besonders katastrophal dar – und das zu einem Zeitpunkt, wo sich jahreszeitlich bedingt die grippalen Infekte und Erkältungskrankheiten häufen.

Schon mehr als eine Stunde, bevor bei ihm die Praxis geöffnet ist, standen Eltern vor dem Gebäude Schlange. Kinderarzt Hauber und zwei Kollegen behandelten ohne Pause ein Kind nach dem anderen. „Eltern berichteten von Wartezeiten zwischen fünf und sechs Stunden in den Ersten-Hilfe-Stellen etwa in Neukölln oder im Sankt-Joseph-Krankenhaus“, sagt Hauber. In einem Fall sei eine Familie um Mitternacht in die Klinik gekommen, erst um sechs Uhr morgen habe das Kind von einem Arzt behandelt werden können. Hauber weiß von vielen Kinderärzten, dass sie die günstig liegenden Feiertage zum Urlaub nutzen und ihre Praxen über Weihnachten und Neujahr komplett geschlossen lassen. Einige verwiesen dann per telefonischer Ansage auch an seine Praxis, sagt Hauber.

Weit mehr als die Hälfte aller Kinderarztpraxen seien derzeit bestimmt geschlossen, schätzt ein Mediziner. Einflussmöglichkeiten, dies besser zu regeln, gebe es nicht. Niedergelassene Ärzte seien schließlich selbstständig tätig, deswegen könne man sie nicht dazu zwingen, sich mit ihren Kollegen abzusprechen und die Praxis auch zwischen Weihnachten und Neujahr zu öffnen. Ein Vater berichtete dem Tagesspiegel von einer Kinderarztpraxis in Lichtenberg, an der bereits vor Sprechstundenbeginn am Donnerstag 15 Kinder mit ihren Müttern und Vätern warteten. Am gestrigen Freitag sei die Praxis dann fast leer gewesen.

Die Planung liegt nicht in mehr in städtischer Hand. Früher erreichten Beschwerden durchaus die Senatsgesundheitsverwaltung, seit zwei Jahren aber nicht mehr. Im Jahr 2010 gab es mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin die Absprache, die kinderärztliche Versorgung in vier Erste-Hilfe-Stellen zu übernehmen: Neben dem Sana-Klinikum in Lichtenberg sind das die DRK-Kliniken Westend und Wedding sowie das St.-Joseph-Krankenhaus in Tempelhof. Die KV sieht deshalb zurzeit keinen weiteren Handlungsbedarf. Der „Sicherstellungsauftrag“ sei erfüllt, „die unaufschiebbar notwendige Versorgung zu gewährleisten“. „Alle anderen Fälle gehören zu den üblichen Öffnungszeiten in die Arztpraxen“, teilte die KV auf Anfrage mit.

Dies ist auch eines der Hauptprobleme in den Rettungsstellen: Den Erfahrungen zufolge sind rund 80 Prozent der Patienten, die dort Hilfe suchen, keine echten Notfälle. „Aber wir können es uns ja nicht leicht machen“, sagt Kardiologe Göing vom Sana-Klinikum. Jeder Patient habe einen Service-Anspruch, egal, ob er mit einer Erkältung oder einem Herzinfarkt komme. Also kümmere man sich um jeden – auch wenn das den Ansturm nicht kleiner mache.

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