Berlin : „Kindern tut Armut weh“

Ein Pastor bietet Schülern in Hellersdorf eine warme Mahlzeit und Nachhilfe. Nun baut er eine zweite „Arche“

Meike Patzig

Noch ist das neue Kinderzentrum in der Ebertystraße in Friedrichshain kaum zu finden, allein das Wort „Arche“ auf dem Klingelschild zeigt es an. In der geräumigen Wohnung wird noch gemalt, und Teppiche werden ausgelegt, doch Pastor Bernd Siggelkow, der Leiter und Initiator der Freizeitbetreuung für Vier- bis Zwölfjährige, sieht zufrieden aus. Die Arbeiten gehen ihrem Ende zu. „Wir wollen den Kindern hier in Friedrichshain eine Anlaufstelle bieten.“ Schon 1995 eröffnete er eine Arche in Hellersdorf, in der heute täglich 250 Kinder ihre Nachmittage verbringen. Wie notwendig eine solche Einrichtung ist, kann er jeden Tag erleben, und er wird inzwischen auch von der Statistik bestätigt: Nach einer gerade veröffentlichten Unicef-Studie in Deutschland wächst jedes zehnte Kind in Armut auf. In der Ebertystraße werden diese Kinder ab 14. März ein zweites Zuhause finden, sie können umsonst zu Mittag essen und an Projekten teilnehmen,vom Kochkurs bis zur Computerarbeit.

„Die Kinder kommen aus verschiedenen Gründen zu uns. Manche Alleinerziehende haben trotz Arbeit nicht genug Geld, um ihren Kindern täglich eine warme Mahlzeit zu geben.“ Zusätzlich seien die Eltern mittags häufig nicht zu Hause. Sie schicken ihre Kinder in die Arche. Die Perspektivlosigkeit einiger arbeitsloser Eltern ist laut Siggelkow ein weiteres Problem. Zur finanziellen kommt häufig die soziale Armut: Wo die gemeinsame Mahlzeit fehle, gebe es oft auch kein Familiengefühl. „Viele arbeitslose Eltern haben Zeit und kümmern sich trotzdem nicht. Aber die Kinder finden schließlich alleine zu uns. Sie bemerken dann auch schnell, dass sie hier erwünscht sind.“

Siggelkow erinnert sich noch an die Anfänge seines Projekts in Hohenschönhausen. Jedes dritte Kind bekam zu Hause nur zwei Mal in der Woche ein warmes Essen. „Vielen Eltern ist einfach nicht bewusst, dass Kinder mittags etwas Warmes zu essen brauchen.“ Die Arbeitsmarktreform Hartz IV habe die Lage noch verschärft, sagt Siggelkow. Inzwischen kämen viele Eltern mit ihren Kindern zusammen zum Mittagessen in die Arche. Besonders unter Gleichaltrigen hätten es arme Kinder schwer, nicht ausgegrenzt zu werden. „Kindern tut Armut weh“, sagt Siggelkow. Deswegen seien Statussymbole, wie das Handy oder Marken-Turnschuhe, oft wichtiger als eine ausreichende Ernährung, hat Siggelkow erfahren. „Die Kinder brauchen Imageartikel, weil sie sonst wegen ihrer Armut gehänselt werden. Sie wollen ihre Bedürftigkeit verbergen. Doch inzwischen werden Markenpullis bis zum Verschleiß getragen.“

Die Arche will helfen, Zukunftsperspektiven zu schaffen. Dazu gehört der kostenlose Nachhilfeunterricht. Das ist Siggelkow wichtig, weil arme Kinder laut Untersuchungen einen schlechteren Zugang zu guter Bildung haben. Zu Hause wird den Kindern nicht geholfen, weiß der Pastor. „Die Eltern kommen mit den Fächern selbst nicht zurecht oder haben keine Lust.“ Er sieht das Ende der Entwicklung noch nicht gekommen. „Es wird noch schlimmer werden mit der Kinderarmut.“

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