Kino zum Anfassen : Schatz’ Insel

Der Münchner Friedhelm Schatz startete vor 20 Jahren das Projekt Babelsberger Filmpark. Es wurde zu einem Imperium – nicht ohne Hindernisse. „Einfach kann ja jeder“, sagt er.

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Inspiriert. Auf der Suche nach Ideen setzt sich Friedhelm Schatz gern mit Zigarre in die leere Vulkan-Arena und lässt seine Lieblingsmusik voll aufdrehen.
Inspiriert. Auf der Suche nach Ideen setzt sich Friedhelm Schatz gern mit Zigarre in die leere Vulkan-Arena und lässt seine...Foto: Manfred Thomas

Letztes Jahr wurde er 60, danach hat er versucht, das Tempo zu drosseln. Nur noch zwei Tage die Woche ins Büro, vielleicht ein Buch schreiben, Dozent werden. So hatte er es sich gedacht. „Aber das ist mir überhaupt nicht bekommen.“ Er wurde unleidlich. Jetzt weiß er: „Ich werde weiter arbeiten, bis ich nicht mehr kann.“ Täglich ist Friedhelm Schatz nun wieder da, wo er mit kurzer Unterbrechung die vergangenen 20 Jahre verbracht hat: im marode wirkenden Baracken-Plattenbau, der in einer Ecke des Babelsberger Filmstudiogeländes die Zeiten überdauert hat.

Dort, im zweiten Stock, hat der Macher des Filmparks Babelsberg sein Büro. In Potsdam gehört der 1,98-Meter-Hüne mit den ergrauten Locken, die er immer mindestens schulterlang trägt, längst zum Kreativ-Establishment. Bei offiziellen Anlässen aber macht er sich rar. Dass Schatz vergangenes Jahr für einige Monate den Chefsessel des Fußball-Drittligisten SV Babelsberg 03 übernahm und dann spektakulär zurücktrat, steigerte seinen Bekanntheitsgrad nur noch.

Welch ein Imperium, zumindest für brandenburgische Verhältnisse, der unkonventionelle Typ, eher Altrocker als Geschäftsmann, aus seiner Plattenbaubaracke steuert, wissen nicht viele. Allein vier Unternehmen vereint die Filmpark Babelsberg GmbH unter ihrem Dach, an der Schatz die Hälfte hält, zwei weitere Firmen gehören ihm allein. Trotz des Saisongeschäfts beschäftigt er über das Jahr gesehen 300 bis 350 Menschen.

Wie sich unter seinen Händen das Babelsberger Filmpark-Areal entwickelte, wird auf den Luftbildern, die in seinem Büro hängen, deutlich. 1993, als Schatz einstieg, gab es dort nicht viel mehr als ein Eingangstor und ein paar Außendekorationen. Ende Januar desselben Jahres hatte Volker Schlöndorff, Oscar-Preisträger und seit Herbst 1992 Studiochef in Babelsberg, Schatz in München angerufen. Nach Jahren bei der Bavaria, zuletzt als Herstellungsleiter mit Millionenbudget, war der damals gerade ins Entertainmentgeschäft gewechselt, baute Spezialkinos für den weltweiten Einsatz. Schatz flog mit der Pan-Am nach Berlin, traf sich in Babelsberg mit Schlöndorff. Kurz zuvor war die Defa abgewickelt worden, der französische Konzern Générale des Eaux, später Vivendi und heute Veolia, übernahm. Den Mann aus München, aufgewachsen in der Lüneburger Heide, verschreckte das nicht. Zumal er die Wahl hatte: Er könne Produktionschef werden oder Studiochef, habe ihm Schlöndorff angeboten, oder sich um die Studiotour kümmern. Studiotour bedeutete Entertainment für Schatz, der sich mit der Bavaria auch vom Filmgeschäft verabschiedet hatte. Mitte August 1993 ging die Studiotour, Vorläufer des Filmparks, an den Start. Sofort kamen 200 000 Besucher mit dem Drang, endlich zu sehen, was sich bei der zu DDR-Zeiten abgeriegelten Defa abgespielt hatte.

Bei seinen Mitarbeitern verschaffte sich Friedhelm Schatz gleich zu Beginn Respekt. Statt sie zu entlassen, übernahm er 90 ehemalige Defa-Filmemacher, die per Arbeitsbeschaffungsmaßnahme beim „Film- und TV-Erlebnis“, der ersten Mini-Studiotour, geparkt waren. Das erste Treffen mit den 90 Menschen fand in einem Filmstudio statt: „Ich werde die Runde nie vergessen.“ Noch am selben Abend ist Schatz entschlossen: „Ich übernehme sie alle.“ Er sollte es nicht bereuen. Der Filmpark wird eine Erfolgsgeschichte. Während das Studio nebenan nicht in Gang kommt, kaum Filme gedreht werden, obwohl Vivendi Millionen investiert, wächst der Themenpark stetig. 1994, im zweiten Jahr, kommen 400 000 Besucher, Schatz lässt für Veranstaltungen die Caligarihalle bauen, in der heute das Wissenschafts-Mitmach-Museum „Extavium“ untergebracht ist, macht aus den Kulissen für Filme wie „Der Unhold“ und „Das Boot“ Publikumsattraktionen. Er wird belohnt. 1997 und 1998 greifen die Franzosen noch einmal richtig tief in die Tasche: 25 Millionen D-Mark fließen in den Filmpark, die Vulkan-Arena wird gebaut, das Erlebnisrestaurant Prinz Eisenherz, das Panama-Land. Schatz profitiert davon, dass sich weder die hochtrabenden Immobilienpläne von Vivendi erfüllen noch Hollywood nach Babelsberg kommt. In den Filmpark aber will 1999 die Rekordzahl von 550 000 Besuchern.

Dann endet der Aufstieg abrupt. Vivendi stoppt alle Investitionen, will aus dem Projekt Babelsberg aussteigen. Schatz sieht sich in seinem Vorwärtsdrang gebremst. „Nur verwalten, abwarten, das wäre nicht meine Sache gewesen. Ich wäre eingegangen.“ Er geht.

Kaum hat er seine Firma Schatz Entertainment Consulting GmbH gegründet, geht das erste Angebot ein: Das Krongut Bornstedt, ehemaliges Mustergut der Hohenzollern, Unesco-Welterbe, soll saniert und zur Touristenattraktion werden. „Das hat mich gereizt“, sagt Schatz. Es passt zu seinem Konzept. Schatz will Orte mit Geschichte, mit authentischem Hintergrund, die er zur Unterhaltung möglichst vieler Menschen neu gestalten kann. Und er will beweisen, dass er vermeintlich Unmögliches möglich machen kann. Immer aufs Neue. „Einfach kann ja jeder“, sagt er.

Vor zehn Jahren ereilte ihn dabei einer der „raren Glücksmomente des Lebens“. Der Konzern Vivendi bot ihm den Filmpark zum Kauf – und dazu 23 der insgesamt 42 Hektar der Medienstadt Babelsberg. Leicht hätten die Franzosen wohl an Immobilienentwickler veräußern können, doch „sie hatten einen Kodex, sie wollten mit erhobenem Haupt aus Babelsberg raus“, sagt Schatz. Am 7. März 2003 sitzt man beim Notar in Berlin, Schatz, sein Geschäftspartner Ekkehard Streletzki, Berliner Unternehmer und unter anderem Bauherr und Betreiber des Estrel Hotels, und die Franzosen. „Über Nacht wurde ich Landlord“, sagt Schatz.

Der Filmpark wächst um Attraktionen, Schatz ordnet die Liegenschaft neu, lässt den Bebauungsplan ändern. Er erlaubt nun viel weniger Neubauten. 2005 startet er den Kindersender „Radio Teddy“, den ersten bundesweit. Er sendet vom Filmpark aus und kostet viel Geld. 1,5 Millionen Euro, sagt Schatz, habe der Sender verschlungen, einer der wenigen wirtschaftlichen Misserfolge, die er verbuchen muss. Heute ist die Filmpark GmbH nicht mehr Mehrheitsgesellschafter des Senders.

2006 kauft Schatz, diesmal allein, einen weiteren Themenpark: El Dorado, gerade pleite, nahe dem uckermärkischen Templin. Sein Neffe Malte Schatz führt die Geschäfte, etwa 100 000 Menschen kommen pro Jahr in den Westernstadt-Nachbau, das ergibt laut Schatz immerhin eine schwarze Null. Dieses Jahr will er den Western-Ferienpark vermarkten, der nebenan direkt am Röddelinsee entstehen soll: 50 bis 100 Ferienhäuser auf den Gelände eines ehemaligen Pionierlagers.

„Ich brauche meine Bauklötze“, sagt er. So zog er 2008 für zehn Millionen Euro – eine Million davon Fördergeld – auf dem Filmpark-Gelände die Multifunktionsarena „Metropolishalle“ hoch. In diesem Jahr will er einen Investor für den „Campus am Filmpark“ präsentieren. Für 30 Millionen Euro sollen auf 2,5 Hektar zwischen Stahnsdorfer Straße und Marlene-Dietrich-Allee in drei Komplexen ein Studentenwohnheim mit 400 Plätzen, Büros, Konferenzräume, Wohnungen und Gewerbe entstehen. Dafür wird Ende des Jahres die Kulisse „Berliner Straße“, 1997 für den Film „Sonnenallee“ gebaut, verschwinden müssen. Genutzt wird sie derzeit vom Studio Babelsberg, doch der Grund gehöre ihm und der Vertrag laufe aus, so der Filmpark-Boss.

Erst kürzlich ist Schatz auch noch Besitzer einer halben Million Kostüme geworden. Von der Studio Babelsberg AG übernahm er den legendären Kostümfundus samt hauseigenen Werkstätten und Fachpersonal. Er liegt direkt neben seiner Bürobaracke und quillt nahezu über vor stoffgewordener Filmgeschichte. „Wir haben schon 2000 Kostüme neu übernommen, wir werden investieren und anbauen.“ Alles andere wäre bei Friedhelm Schatz auch verwunderlich.

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