Berlin : Klare Sache: Abwasser für die grüne Wiese

Rieselfelder schaffen blühende Landschaften

Christoph Stollowsky

Die Wiesen waren im Sommer karg, die Wege staubig. Spaziergänger schritten hier kräftig aus, es hielt sie nichts in der öden Gegend bei Hobrechtsfelde im Norden Berlins. Heute dagegen fahren ganze Wandergruppen dorthin und erfreuen sich an jungen Birken- und Erlen, am Schilf und dem Grün der Wiesen. Die Landschaft hat sich in den vergangenen zwei Jahren vollkommen verwandelt. Die Ursache sprudelt aus dicken Rohren: Es ist das gereinigte Wasser aus dem nahen Klärwerk Schönerlinde.

Normalerweise leiten die Berliner Klärwerke das gesäuberte Abwasser in Flüsse und Kanäle. In Hobrechtsfelde pumpen es die Wasserbetriebe aber im Rahmen eines zukunftsorientierten Großversuchs auf sogenannte „Rieselfelder“. Dort durchströmt es Teiche und Gräben, wird beim Versickern von Mikro-Organismen im Boden zusätzlich gereinigt, füllt das Grundwasser auf und sichert auf diese Weise einen ausgewogenen Wasserhaushalt Berlins. Der Kreislauf der Berliner Wasserwirtschaft bleibt in sich geschlossen. Außerdem saugt sich das Erdreich bei Hobrechtsfelde wie ein Schwamm mit Feuchtigkeit voll. Neu angepflanzte Bäume und Büsche gedeihen prächtig.

„Gereinigtes Abwasser ist viel zu wertvoll, um es weiterhin über Kanäle abzuleiten“, sagt der Experte für Wasserreinhaltung an der Technischen Universität (TU), Professor Martin Jekel. „Wir brauchen es als Ressource für den Wasserhaushalt und die Vegetation trockener Landstriche und müssen es deshalb in der Region halten.“ Dies trifft auch für Brandenburg zu, dessen nördliche Landesteile unter den regenarmen Hitzeperioden der vergangenen Jahre stark gelitten haben. Das Grundwasser sank zum Teil dramatisch. Auch hier könnten Verrieselungsprojekte den Pegel wieder erhöhen. Diese Pläne sind noch nicht weit gediehen.

An der Havel in Spandau gibt es dagegen ein weiteres konkretes Zukunftsprojekt. Dort bauen die Berliner Wasserbetriebe in einem der größten Klärwerke Deutschlands, dem Klärwerk Ruhleben, in den kommenden Jahren eine zusätzliche vierte Reinigungsstufe mit wegweisenden neuen Technologien wie der Mikrofiltration. Sie sollen das Abwasser noch besser als bisher möglich vom unerwünschten Nährstoff Phosphor, vor allem aber von Keimen befreien.

Zurzeit überschreitet die Keimkonzentration im gereinigten Wasser die EU-Grenzwerte für Badegewässer. Deshalb wird der Ausfluss von Ruhleben während der Badesaison nicht in die nahe Havel gepumpt, sondern durch Rohre kilometerweit bis zum Teltowkanal. Nur im Winter darf das Klärwasser in die Havel fließen. Dies gilt so lange, bis die vierte Klärstufe in Betrieb geht. „Danach hat das gereinigte Abwasser aus Ruhleben Badequalität“, sagt die Expertin für Gewässerschutz bei den Wasserbetrieben, Carin Sieker.

Dann will man es auch in den Sommermonaten in die Unterhavel leiten und den Fluss regelrecht auffrischen. Schließlich ist der Zustrom aus dem Klärwerk mit rund drei Kubikmetern pro Sekunde beachtlich. Wer an der Havelchaussee oder im Bereich Moorlake gegenüber der Pfaueninsel baden geht, kann sich freuen. „Die Qualität des Flusswassers wird positiv beeinflusst“, versprechen die Wasserbetriebe.

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