Berlin : Klassik gefällt auch klatschnass

AUFTRITT DER WOCHE In der Waldbühne stehen die Stars Schlange – von Netrebko bis Barenboim

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Achtung, Arie! Anna Netrebko kommt wieder in die Waldbühne. Foto: dapd Foto: dapd
Achtung, Arie! Anna Netrebko kommt wieder in die Waldbühne. Foto: dapdFoto: dapd

Was für ein Jammer: 20 000 Menschen harren in strömendem Regen in der Waldbühne aus, ein Wald aus Schirmen, eine klatschnasse Menschenmauer, die den Elementen trotzt – doch sich am Ende geschlagen geben muss. Das Konzert der Philharmoniker am 2. Juli fällt ins Wasser, weil, wie Intendant Martin Hoffmann sagt, „der Regen nicht nur von oben kommt, sondern auch von der Seite“, und das ist für die Instrumente gar nicht gut. Was der Abend aber gezeigt hat: Der Berliner liebt seine Freiluftaufführungen. Da muss schon die Welt untergehen, damit wir nicht kommen!

Weil aber die schönen Monate hierzulande auf wenige Wochen zusammengestaucht sind, entstehen in der Waldbühne während der zweiten Augusthälfte regelrechte Klassikfestspiele: Vier große Auftritte innerhalb weniger Tage. Den Anfang macht am 16. August einer der immer noch größten Namen der Opernwelt: Anna Netrebko. 2006 war sie schon einmal in der Waldbühne, damals noch mit Placido Domingo und Rolando Villazón. Den kann man aufgrund seiner Stimmprobleme inzwischen nicht mehr uneingeschränkt als Star bezeichnen, deswegen kombinieren Peter Schwenkow und seine Firma Deag Netrebko mit zwei neuen Partnern: Jonas Kaufmann und ihrem Ehemann, dem Bassbariton Erwin Schrott, mit dem zusammen sie bislang nur kurz zuvor in München und Wien aufgetreten war. Die drei singen Arien von Verdi, Puccini, Massenet, Bizet und Gounod, Schrott außerdem in seiner Paraderolle als Leporello die Registerarie aus Mozarts „Don Giovanni“. Wer ihn mit seiner Frau im Duett hören will, muss allerdings bis zum Ende der zweiten Hälfte warten: Dann steigt das Ehepaar in die Rollen von Porgy und Bess und singt „Bess, you is my woman now“ von George Gershwin.

Am 23. August steht ein ganzes Orchester im Mittelpunkt: Daniel Barenboim kommt mit dem West-Eastern Divan Orchestra in die Waldbühne. Vor zwölf Jahren hatte Barenboim das Orchester, in dem israelische, palästinensische und einige spanische Musiker zusammenspielen, mit dem inzwischen verstorbenen palästinensischen Literaturkritiker Edward Said gegründet. Bis heute ist es das einzige große internationale Projekt, in dem die beiden verfeindeten Völker freundschaftlich miteinander kooperieren. „Es ist das Wichtigste, was ich mache“, sagt Barenboim. Sitz des Orchesters ist Sevilla, weil Andalusien historisch ein einzigartiger Ort war: 700 Jahre, bis zur „Reconquista“, lebten hier Juden und Araber in Frieden miteinander. Die Musiker reden inzwischen gar nicht mehr viel über den Nahostkonflikt. Sie kennen sich seit Jahren, die Standpunkte sind klar. Und trotzdem: „Es gibt immer neue Entwicklungen, über den arabischen Frühling haben wir natürlich viel diskutiert“, sagt Nabeel Abboud Ashkar. Der 32-jährige Geiger ist palästinensischer Israeli, geboren in Nazareth und Orchestermitglied seit dem Gründungsjahr 1999. Gerade war er mit dem Orchester in Korea, das Waldbühnenkonzert beschließt die Tournee. Auf dem Programm stehen Beethovens 8. und 9. Symphonie, die vokalen Partien des vierten Satzes der 9. singen Waltraud Meier, Anne Schwanewilms, René Pape und Peter Seiffert.

Am 23. August wollen es die Philharmoniker erneut versuchen und ihr ausgefallenes Konzert mit Riccardo Chailly nachholen. Und am 27. August wagen sich Folkert Uhde und Jochen Sandig vom Radialsystem erstmals in die Waldbühne: Mit der sinnlichen und lebensprallen Inszenierung der Purcell-Oper „Dido und Aeneas“ von Sandigs Ehefrau Sasha Waltz, die vor einigen Jahren Triumphe feierte und jetzt für einen Tag nach Berlin zurückkehrt. Ein „Fest der Künste und der Natur“ soll es laut Sandig werden, denn Waltz hat hier erstmals das Konzept einer „choreographischen Oper“ umgesetzt, das Musiker, Sänger, Tänzer und Choristen zu einer völlig neuen, atemberaubenden Einheit verschmilzt.

Die Frage bleibt natürlich: Wird es regnen? Wenn ja, dann helfen vielleicht einige Tipps: Regencapes mitnehmen – Schirme nehmen dem Hintermann die Sicht. Und am besten in der Gruppe kommen. Gemeinsam erträgt sich Regen besser.Udo Badelt

Waldbühne: 16.8., „Gipfeltreffen der Stars“ (Anna Netrebko, Erwin Schrott, Jonas Kaufmann), www.deag.de; 21.8., West Eastern Divan Orchestra, Tel. 47997433; 23.8., Berliner Philharmoniker, www.berliner-philharmoniker.de, bereits gekaufte Karten behalten ihre Gültigkeit; 27.8., Sasha Waltz & Guests, „Dido und Aeneas“, Tel. 47997433, www.waldbuehne-berlin.de

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