Berlin : Klaus Schaefer (Geb. 1939)

Er studierte noch mal, ganz seriös – und es fühlte sich an wie ein Spiel

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Am Anfang schuf Gott … Klaus Schaefer senkt den Kopf über die Schrift, sein Finger wandert langsam von rechts nach links, von Buchstabe zu Buchstabe. BR’ShJT, Bereshit, am Anfang. Er fühlt sich wie ein Erstklässler. Nur dass in diesem Text weder Mimi noch Mama vorkommen, sondern Adam und Set und Noah. Er hebt den Kopf. Die anderen Theologiestudenten lesen konzentriert, durchs Hebraicum zu fallen wäre ein Desaster. Also weiter in der Genesis.

Nach der Stunde plaudert er mit einer Kommilitonin. Sie kramt ihre Visitenkarte hervor. Er reicht ihr seine. Sie schaut darauf, sie schaut Klaus Schaefer ins Gesicht, und dann kann sie nicht mehr an sich halten: „Du bist Prof?“

Ja, er hat seine Promotion geschrieben und seine Habilitation. Er war Chefarzt der Nephrologieabteilung und später Ärztlicher Direktor im Berliner St.-Joseph-Krankenhaus. Und jetzt ist er Student. Angelica und er haben das Haus in Lichterfelde nach seiner Pensionierung hinter sich abgeschlossen, sind nach Göttingen gefahren, haben sich eine kleine Wohnung in der Altstadt, schräg gegenüber vom Theater, eingerichtet und begonnen, noch einmal zu studieren, sie russische Literatur, er Theologie. Und es war wunderbar. Sie konnten zu „Ikea“ fahren und sich Regale aussuchen. Sie konnten jeden Mittwoch und jeden Samstag in der Pizzeria um die Ecke Nudeln zum Studentenpreis essen. Sie konnten, wenn sie ins Theater gingen, ohne Mäntel hinüberlaufen.

Er studierte ganz seriös, mit allem, was dazu gehört, Vokabelpauken, Prüfungsdruck. Gleichzeitig fühlte es sich wie ein Spiel an, wie in seinen Kinder- und Jugendjahren. Als er mit den Brüdern durch den Garten rannte, eine Partie Schach gegen einen Russen spielte, die ersten Tonfolgen am Klavier zustande brachte, davon träumte, Boogie-Woogie-Pianist, Sportreporter oder Schauspieler zu werden. Was keineswegs abwegig war. Denn sein Vater, ein Arzt, behandelte in seiner Praxis den Regisseur Arthur Pohl, der den Elfjährigen für die Rolle des Baldur in „Die Jungen vom Kranichsee“ besetzte. Dann wurde er doch Mediziner, auf dem Gebiet der Nierenheilkunde, baute die Dialyseversorgung mit auf, forschte zum Vitamin-D-Stoffwechsel und hatte obendrein den Ehrgeiz, nicht nur die Namen seiner Patienten, sondern auch die ihrer Hunde und Katzen zu kennen. Zu Hause war er selten. Vielleicht ab zehn am Abend, auch an den Wochenenden. Als Angelica wieder einmal allein auf einer eleganten Soirée erschien, Klaus war zu einem Kongress in die USA geflogen, verließ sie die Gesellschaft schon recht früh, sie wolle mit ihrem Mann telefonieren: „Die Zeitverschiebung“, erklärte sie zwei Damen. Und hörte dann, wie die eine zur anderen sagte: „Wer weiß, ob die wirklich verheiratet ist.“

Der Satz, den Klaus damals an sie gerichtet hatte, war grundverschieden zu allen anderen Männersprüchen gewesen, die sie zuvor gehört hatte: „Kommst du mit mir in die Oper?“, hatte er gefragt und auf der Stelle jeden ihrer Zweifel zerstreut. Sie heirateten, sie bekamen drei Töchter, sie reisten, sie studierten ein zweites Mal und als sie wieder nach Berlin zurückgekehrt waren, halfen sie Obdachlosen und Flüchtlingen, schleppten riesige Suppentöpfe in ein Café für Bedürftige. „Olle Säcke wie ich werden doch noch gebraucht“, staunte er und behandelte Traumatisierte, die aus dem Krieg geflohen waren.

Obwohl sein Herz zu ermüden begann. „Meinst du, ich werde noch 77?“, fragte er Angelica und sie schaute ihn verständnislos an. An einem nebeligen Oktobermorgen stand sie auf, ging in die Küche, setzte Wasser auf, überlegte, ob sie Klaus jetzt wecken sollte, holte Tassen aus dem Schrank, und mit einem Mal durchzuckte es sie: Vielleicht schläft er ja gar nicht. Sie lief hinauf in sein Zimmer. Und sah, dass er tot war.

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