KLEINE ARCHITEKTURKRITIK : „Eine vertane Chance“

Peter Conradi
Peter ConradiFoto: picture alliance / dpa

Im Dezember 1979 traf sich die SPD zum Bundesparteitag im damals noch ziemlich neuen ICC. Peter Conradi, Architekt und von 1972 bis 1998 Bundestagsabgeordneter, schrieb danach seine Gedanken zur „Imponier-Architektur“ nieder, die er hier verwirklicht sah. Eine Dokumentation in Auszügen.

„Die Kritik setzt beim Umfeld ein: Der Mammutbau steht ohne Beziehungen zur Stadt auf einer Restfläche zwischen Autobahnspuren. Für den Autofahrer ist er perfekt zu erreichen; der Preis dafür ist die totale städtebauliche Isolierung ... Der Ku’damm, nur einige hundert Meter entfernt, liegt in einer anderen, fernen Welt.

Im Inneren des Gebäudes erscheint die Orientierung anfangs einfach: lange, breite Passagen mit Abfertigungsschaltern, Flughafen-Atmosphäre, große Hinweisschilder und Nummern, Rolltreppen. Doch plötzlich muss man den rechten Winkel verlassen, eine Rolltreppe führt schräg nach oben, die nächste Rolltreppe noch einmal im Winkel, und verloren ist jede Orientierung. Es gibt keine Fenster, damit fehlt die Orientierung nach außen, etwa am Funkturm oder an der Sonne. Ich habe viele Delegierte danach gefragt, wie sie in den großen Saal gekommen sind. Auch nach fünf Tagen war keiner in der Lage, mir den Weg in den Saal oder die Lage des Saals im Gebäude zu beschreiben ...

Die Säle sind perfekt: Die Klimaanlage funktioniert hervorragend, der Ton wird mustergültig ausgesteuert, die 4000-Mark-Sessel sind bequem, die Beleuchtung ist gut, ohne grell zu sein, die Klapptische sind praktisch ... Der Saal wirkt riesig, die Architekturelemente bedrohlich. An einigen Stellen ist die Konstruktion sichtbar, zum Beispiel mit merkwürdigen, unverständlich ausgeformten Kunststoffkörpern verkleidet ...

Dass eine Rolltreppe einmal ausfällt, zu wenig Telefone da sind oder WC-Türen noch keine Schlösser haben, sind Nebensächlichkeiten. Was hingegen zählt, ist die Überarchitektur, das allgegenwärtige Zuviel an Design. Da wird das einfachste Hinweisschild zur Demonstration. Überall stehen Sichtgeräte einer zentralen Informationsanlage herum, an denen man eine Handvoll von Informationen abrufen kann: Wo es etwas zu essen gibt, was im ICC nächstens stattfindet (wenig!), welche Buslinien einen in die Stadt bringen und derlei Schnickschnack, aber wie diese lächerlichen Bildschirme dramatisch zu ,Terminals’ aufgemotzt werden, ist kennzeichnend für die Imponier-Architektur des Gebäudes. Ein vertane Chance.“

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