• "Klemann, geh Mann", hieß es 1992 ... und diesmal rufen die Streikenden: "Böger - Betröger"

Berlin : "Klemann, geh Mann", hieß es 1992 ... und diesmal rufen die Streikenden: "Böger - Betröger"

Susanne Vieth-Entus

"Reim dich oder ich fress dich", scheint die Devise der Lehrerschaft, wenn sie kampfeslustig auf die Straße stürmt. Während sie zur Zeit dichtet "Böger - Betröger", schallte es am 25. März 1992 "Klemann, geh Mann!" durch die Straßen, als rund 10 000 Lehrer gegen die damals beschlossene Arbeitszeiterhöhung streikten. Jürgen Klemann gab als Schulsenator allerdings ein besseres Feindbild ab als Klaus Böger, denn anders als SPD-Mann Böger gehörte Klemann der CDU an, die traditionell ein schlechteres Verhältnis zur GEW hat als die SPD.

Die Vorgeschichte des 92er-Streiks ist schnell erzählt. Den Lehrern war von der grünen Schulsenatorin Sybille Volkholz 1989/90 eine Stunde erlassen worden, weil die Wochenarbeitszeit im übrigen öffentlichen Dienst von 40 auf 38,5 Stunden gesunken war. Dann fiel die Mauer, und damit kamen ganz andere Aufgaben auf den Landeshaushalt zu. Die Volkholz-Stunde sollte "zurückgeholt" werden.

Es hagelte Proteste, so dass die Pflichtstundenerhöhung für die Klassenlehrer der Klassen 1 bis 10 und für die Schulleiter zurückgenommen wurde. Für die anderen Lehrer sollte es bei der zusätzlichen Stunde bleiben, woraufhin die GEW zum Streik aufrief. Sie wandte sich an alle 19 000 Lehrer an den rund 480 Schulen im West-Teil sowie 2000 Lehrer an 50 Schulen im Ost-Teil, wo kurz nach der Wende die GEW noch nicht so präsent war. 46 Ost-Schulen schlossen sich dem Streik dann noch an.

Während Klemann damals mitteilen ließ, es hätten rund 6000 Lehrer an 303 Schulen im West-Teil gestreikt, schätzte die GEW, es seien über 10 000 an 380 Schulen gewesen. Der Demonstrationszug ging vom Wittenbergplatz zum Rathaus Schöneberg, wo damals noch der Senat tagte. Das Abgeordnetenhaus ließ sich davon allerdings nicht beeindrucken und beschloss die unpopuläre Maßnahme.

Jürgen Klemann scheiterte mit seinem Vorhaben, als Reaktion auf den Streikaufruf von der GEW Zwangsgelder zu erheben. Weder der Koalitionspartner SPD noch das Verwaltungsgericht mochten ihm folgen. Das Gericht teilte zur Begründung mit, es widerspreche dem "Grundsatz der Waffengleichheit", "wenn Streikmaßnahmen, zu denen eine Gewerkschaft ihre Mitglieder aufruft, einseitig durch staatlichen Hoheitsakt in Gestalt einer ordnungbehördlichen Verfügung unterbunden werden" zitierte der Tagesspiegel damals das Gericht.

Während seit 1995 das Landesschulamt Arbeitgeber der Lehrer ist, waren sie 1992 noch den Bezirken unterstellt. Jeder Volksbildungsstadtrat konnte also selbst entscheiden, welche Abstrafungen er für die Streikenden wählte. Eine Übersicht der GEW zeigt, dass die Stadträte sehr unterschiedlich vorgingen. So seien in Tiergarten lediglich Missbilligungen ausgesprochen worden, während Steglitz auch das Gehalt kürzen ließ. Vereinzelt gab es Probleme für Lehrer, die zur Beförderung anstanden. Kreuzberg beließ es bei der reinen Ankündigung von Strafmaßnahmen.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben