Berlin : Klick auf Berlin

Kaum eine Sehenswürdigkeit ohne Webcam. Die Bilder der Internetkameras sind nicht nur schön anzuschauen, sondern auch nützlich

Sebastian Leber

Diesen Anblick konnte er unmöglich für sich behalten. „Das wäre nicht fair gewesen, dem Rest der Menschheit gegenüber.“ Steffen David, Geschäftsführer der Firma „Internet Provider Berlin“ mit Sitz in der Friedrichstraße, hatte gerade sein Büro im fünften gegen eines im 13. Stock getauscht. Und wenn er nun am Schreibtisch sitzend aus dem Fenster blickte, sah er nicht mehr das hässliche Parkhaus auf der anderen Straßenseite, sondern einige der schönsten Sehenswürdigkeiten Berlins. Den Dom, das Rote Rathaus, die Museumsinsel. Den Fernsehturm natürlich auch. „Ich wusste: Dieses Privileg muss ich mit anderen teilen.“ Also kaufte er sich eine Webcam.

Die Zahl der Kameras, deren Bilder ins Internet gestellt werden und für jedermann kostenlos abrufbar sind, nimmt jedes Jahr zu. Berlin ist geradezu mit ihnen übersät. Egal ob Potsdamer Platz, Alex oder das Einkaufscenter in der Schloßstraße: Praktisch jede Sehenswürdigkeit wird von einer eigenen Kamera gefilmt. Und weil sich die Bildqualität dank neuer Technik in den letzten Jahren verbessert hat, werden die Seiten auch besucht. Auf Steffen Davids Bilder klicken jeden Tag 1000 Internetnutzer. Viele danken ihm für den kostenlosen Service mit einer Mail. Zum Beispiel der ältere Kanadier, der seine Kindheit in Berlin verbracht hat und nun verfolgen kann, wie rasant sich die Stadt verändert. Derzeit sind fünf Kräne im Bild.

Webcam-Aufnahmen sind nicht nur schön anzuschauen, sondern haben meistens auch einen Nutzen. In Sekundenschnelle kann man sich im Internet vergewissern, ob der Himmel über dem Wannsee klar oder bewölkt ist, ob sich ein Tagesausflug zum Müggelsee lohnt oder ob es Unter den Linden gerade so von Touristen wimmelt, dass man den Einkaufsbummel lieber auf morgen verschiebt. Fans von Robbie Williams und den Rolling Stones haben in den letzten Wochen verstärkt auf die Seite des Olympiastadions geklickt. Da zeigt eine Kamera Livebilder aus dem Stadioninneren – von der Ostkurve in Richtung Marathontor. „Fans haben sich bei uns bedankt, weil sie den Bühnenaufbau Schritt für Schritt verfolgen konnten“, sagt Stadionmitarbeiter Christoph Meyer. Während der Konzerte und bei Fußballspielen muss die Kamera aus rechtlichen Gründen abgeschaltet werden. Dafür können Hertha-Fans ab heute online zuschauen, wie der neue Rasen verlegt, mit Maschinen fest gepresst und gedüngt wird.

Die erste Webcam ging 1993 ans Netz. Sie zeigte – damals noch in Schwarz- Weiß – eine einfache Kaffeemaschine des Typs „Krups Pro Aroma“. Die Kamera hatten Wissenschaftler aufgestellt, um von ihrem Arbeitsplatz sehen zu können, ob Kaffee in der Kanne ist, ob sich der Gang zur Maschine also lohnt. So weit, so sinnvoll. Warum sich aber jedes Jahr mehr als 100 000 Internetnutzer in aller Welt für die Füllhöhe der Kanne interessierten, wussten die Wissenschaftler damals selbst nicht.

Inzwischen können Webcams sehr viel mehr, als statisch einen einzelnen Punkt zu filmen. Das Berliner Unternehmen Cityscope hat sich darauf spezialisiert, Bauprojekte und öffentliche Plätze über Jahre aufzunehmen und die Bilder in Rundum-Panoramaansichten auf seine Homepage zu stellen. Der Besucher der Seite kann dann mit Hilfe seiner Maus um 180 Grad in den Bildern hin- und herschwenken. Auftraggeber sind meist Architekturfirmen, die ihre Arbeit der Öffentlichkeit präsentieren wollen. Cityscope hat Kameras in Berlin, Stuttgart, Köln und Dresden. Und eine in Shanghai. Seit April betreibt die Firma erstmals eine Webcam, die vom Land Berlin bezahlt wird: Sie zeigt den Schloßplatz in Mitte und den Rückbau des Palasts der Republik – jede Stunde mit einem neuen Rundumbild. Martin Potthoff, Geschäftsführer von Cityscope, empfiehlt den Klick auf seine Kamera am Alexanderplatz. Wegen der Umbauarbeiten könne man dort jeden Tag spannende Veränderungen erkennen: „Diese Ecke der Stadt lebt.“ Auch schön: der Kameraschwenk vom Brandenburger Tor zum Kanzleramt. Vor allem, wenn morgens die ersten Sonnenstrahlen das Regierungsviertel beleuchten. Derzeit also gegen 5 Uhr. Wer nicht so früh aufstehen will, kann trotzdem genießen: Potthoffs Seite bietet nämlich eine Archivfunktion. Ein Klick – und die Sonne geht schon wieder auf.

0 Kommentare

Neuester Kommentar