Berlin : Klimaanlagen: Keimschleudern

Tim Stoltenberg

Montags müde und schlecht drauf? Keine Motivation, Kopfschmerzen und fiebriges Gefühl? Die Diagnose könnte auf das sogenannte Montagsfieber hinauslaufen. Ursache für diese Krankheit kann ein alltäglich konsumiertes Lebensmittel sein: die Luft. Genauer gesagt: die Luft, die durch eine Klimaanlage an den Endverbraucher gelangt. Rund 80 Prozent der Klimaanlagen in Berlin seien Keimschleudern, sagte die Grünen-Politikerin Claudia Hämmerling gestern.

Am Potsdamer Platz stellte sie gemeinsam mit Martin Möritz vom Institut für Lufthygiene einige Fallbeispiele für die Schmutzanlagen vor. Aus welchen Gebäuden die Anlagenteile entnommen wurden, wurde nicht verraten - aus gutem Grund. Die ursprünglich weißen Luftfilter waren pechschwarz und staubten bei der geringsten Berührung. Die Dämmplatten, gefüllt mit mineralischen Dämmstoffen, wiesen große Löcher auf. Der Inhalt dieser Löcher, schädliche Mikrofasern, gelangte durch die Klimaanlage mit der Luft zu den Insassen der entsprechenden Räume.

Aber nicht nur künstliche Mikrofasern werden über die Luft transportiert. Auch Keime, die in den Klimaanlagen prächtig gedeihten, sobald ein wenig Feuchte entsteht, würden über die Luft in Büros und Wohnungen transportiert, erklärte Möritz das Problem. Die Folgen des Hygienemangels in den Klimaanlagen sind nicht nur das "Montagsfieber", das so genannt wird, weil nach dem Wochenende die Keimkonzentration der Anlagen wesentlich höher ist als unter der Woche und somit die Symptome bei den Betroffenen stärker sind. Auch verschiedenste andere Erkrankungen stünden in ursächlichem Zusammenhang mit den Klimaanlagen, so das "Sick-Building-Syndrom", Legionellose und Erkrankungen der Atemorgane, warnt Hämmerling.

Eine Untersuchung des Instituts für Lufthygiene an bundesweit 1500 Klimaanlagen ergab, dass in 75 Prozent der Anlagen, die über einen Befeuchter verfügten, eine starke Keimkonzentration feststellbar war. Bei einem Viertel der untersuchten Anlagen konnte eine Faserabgabe der Isolierung an die Luft nachgewiesen werden. Bei einer regelmäßigen Wartung der Anlagen, je nach Größe alle zwei bis drei Jahre, wären diese Probleme leicht zu beheben, betont Möritz. Nur leider werde dies in den seltensten Fällen getan. Dabei gebe es seit drei Jahren eine VDI-Richtlinie, die die regelmäßige Wartung der Anlagen vorschreibt. Die werde nur leider nicht umgesetzt, betont Hämmerling. Betroffenen rät Möritz, den Betriebsrat ihres Unternehmens anzusprechen und Einsicht in die Inspektionslisten der Klimaanlage zu fordern. Sollte es keine Listen geben, könne man Inspektionen einfordern. Selbst einen Blick auf die Klimaanlagen zu werfen, dürfte in den meisten Fällen schwierig sein. Nach den Erfahrungen von Claudia Hämmerling werden die Zugänge zu vielen Klimaanlagen bewacht "wie das Gold in Fort Knox." Das deutet zumindest darauf hin, dass die Verantwortlichen das Problem kennen.

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