Berlin : Klosterstraße und Karree: Geschichtsbeladen und architektonisch reizvoll - aber leer

Tobias Arbinger

Geschwungene Fensterfronten durchbrechen die graue Steinfassade. Die Scheiben sind blind vor Schmutz. Reicher Stuck verziert das Gebäude: Blumenornamente und aufgerissene Mäuler. Über einem geschmiedeten Tor im Jugendstil sind Spuren von abgeschlagenen Buchstaben zu erkennen: "Gebr. Tietz. Annaberg". Das Haus in der Klosterstraße 64 macht neugierig. Späht man durch die Tür, sind zwei Gewerbehöfe zu sehen, die ähnlich wie die Hackeschen Höfe mit gebrannten, grünen und weißen Fliesen verkleidet sind. Hier arbeitet aber niemand mehr. In der Durchfahrt wächst Moos. Das vierstöckige Gebäude ist eines der letzten in Berlin erhaltenen Geschäftshäuser der ausgehenden Kaiserzeit. Die jüdische Familie Tietz ging dort ihren Unternehmungen nach, bis die Nationalsozialisten sie vertrieb.

Das Tietzhaus ist typisch für die Gegend um die Klosterstraße. Geschichtsbeladen und architektonisch reizvoll, aber leer. Das Viertel zwischen der Ruine des Franziskanerklosters an der Grunerstraße und der Mühlendammschleuse in der Spree gehört zu den ältesten Stadtteilen Berlins. Entlang der Littenstraße verlief die alte Stadtmauer, von der heute noch ein paar Meter Fels- und Backstein zu sehen sind. An der Jüdenstraße lag im Mittelalter ein jüdisches Viertel, der Jüdenhof, dessen letzte Bauten zu DDR-Zeiten abgerissen wurden. Je mehr sich die Gegend später zum Sitz von Verwaltungen entwickelte, verlor sie an Lebendigkeit. So mussten Anfang des 20. Jahrhunderts Dutzende Wohnhäuser dem Neubau des Stadthauses weichen. Das massige Gebäude mit seinem über hundert Meter hohen Turm wurde als Erweiterung für das Rote Rathaus geplant. In der DDR beherbergte es den Ministerrat, heute sitzt dort die Innenverwaltung. Gegenüber liegt das Neue Stadthaus, in dem ab Januar die Bezirkverordneten des Fusionsbezirks Mitte arbeiten werden.

Während es vor dem Zweiten Weltkrieg noch Gewerbe in der Klosterstraße gab, dort Künstler in der früheren Königlichen Kunstschule ihre Ateliers hatten, in den 20er Jahren ein Theater einlud, ist es dort heute etwas trostlos. Eine von Hauptverkehrsstraßen und S-Bahn-Trasse abgeschnittene "Insel" nennt Gabriele Miketta vom Kulturhaus Podewil die Gegend. "Steinwüste", sagt Albrecht Kloepfer vom Verein "Haus um die Schenkung", der eine Belebung des Kiezes im Sinn hat. "Im Klosterviertel gehen 5000 Menschen zur Arbeit. Sie haben aber keinen Anreiz zu bleiben."

Dabei gibt es so viele Spuren der Vergangenheit zu erkunden. An der Parochialkirche beispielsweise liegt ein alter Kirchhof, hinter dessen schmiedeeisernem Zaun efeuüberwucherte Grabstätten zu besichtigen sind. Die Barockfront der Kirche ist derzeit von einem Baugerüst verhüllt, auf einer Seite erstrahlt bereits frischer Putz.

Zumindest die Fassade der von Weltkriegsbomben schwer getroffenen Anlage könne mit öffentlichen Mitteln saniert werden, erzählt Peter Teicher vom Gemeindekirchenrat. Für den zerstörten Turm und das einst berühmte und legendenumwobene Glockenspiel wollen Gemeinde und die Stiftung Denkmalschutz Spenden sammeln: Um die acht Millionen Mark werden gebraucht.

Richtung Kloster läuft man vorbei am Podewilschen Palais, einem Barockbau, in dem einst der preußische Staatsminister Graf Heinrich von Podewils lebte. Viel später wurde das Gebäude zum Ost-Berliner "Haus der jungen Talente". Nach der Wende übernahm es die landeseigene Berliner Kulturveranstaltungs GmbH, die Konzerte, Ausstellungen und Lesungen mit jungen Künstlern veranstaltet. Die Theaterwerkstatt "Reich und berühmt", das Internationale Tanzfest, Hofkonzerte und Sommerkino haben dort ihren Platz.

Ein paar Schritte weiter ragen die backsteinernen Ruinen der Klosterkirche in den Himmel. Auch sie wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Hier hatten die Armut predigenden Franziskaner um 1250 eine erste Kirche errichtet. Bis ins 16. Jahrhundert lebten Mönche in dem Kloster. 1574 wurde darin das Gymnasium zum Grauen Kloster gegründet - die Schüler konnten dort unter Kreuzgewölben wandeln. Heute liegt das Gymnasium in der Salzbrunner Straße in Wilmersdorf.

Durch die Reste der gotischen Fenster der Klosterkirche sieht man die üppige Fassade des Landgerichts in der Littenstraße: Säulen, Kapitelle und Bögen verzieren den Eingang des ab 1896 erbauten Justizpalastes. In der Haupthalle winden sich aufwendig gestaltete Treppen mit verschnörkelten Geländern vier Stockwerke bis unter die verschachtelte Kuppel. An den linoleumbelegten Gängen, die zu Verhandlungssälen und Gerichtsstuben führen, Schwindel erregenden Treppenhäusern, Neonröhren und Milchglasleuchten des Gebäudes hätte Kafka sicher Gefallen gefunden.

Jenseits der Stralauer Straße, Richtung Spree, ist seit der Wende schon viel Neues entstanden. Am Rolandufer liegen Neubauten und alte renovierte Gewerbehöfe der Wasserbetriebe. Aus ihrer auch für Gäste zugänglichen Mensa kann man beobachten wie Dampfer und Lastkähne die Mühlendammschleuse durchqueren. Nebenan ist der eigenwillige Langhof-Bau zu bestaunen, der etwas an ein Gürteltier erinnert. An der Spreeseite der Klosterstraße arbeiten Bauarbeiter gerade am ersten Geschoss der holländischen Botschaft. Die Pläne stammen von dem Architekten Rem Koolhaas. Koolhaas hat auch das "Haus um die Schenkung" geplant, das auf dem Nachbargrundstück entstehen soll.

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