Könige der Kurve : Fanfest der Derby-Rivalen

Mehr als 74.000 Zuschauer sind heute beim Derby Hertha gegen Union im Olympiastadion, darunter Politiker, Popstars und ein Dschungelkenner. Nur das Wetter macht den Fans einen Strich durch die Rechnung.

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Berlin bleibt Blau-Rot-Weiß. Früher waren die beiden Fanszenen befreundet. Doch bis auf ein paar alte Devotionalien ist nicht mehr viel davon zu sehen.
Berlin bleibt Blau-Rot-Weiß. Früher waren die beiden Fanszenen befreundet. Doch bis auf ein paar alte Devotionalien ist nicht mehr...Foto: dpa

Ein hübscher Dialog war das neulich im Urwald, 16 000 Flugkilometer südöstlich vom Olympiastadion entfernt. Peer Kusmagk trällerte im so wunderbar-schrägen „Dschungelcamp“ ein etwas überraschendes Liedchen: „Hertha BSC, heißt unser Verein, Hertha BSC, wird es immer sein“ – woraufhin Schauspieler Mathieu Carrière irritiert guckte und sinngemäß fragte: Toll, aber was ist Hertha? – Na, ein Verein. – Und woher? – Aus Berlin?!

So viel Aufklärungsarbeit vor einem Millionenpublikum muss sich lohnen, deshalb wird „Dschungelkönig“ Peer Kusmagk am heutigen Sonnabend auf einem der dunklen Vip-Sesselchen sitzen und das längst ausverkaufte Stadtderby gegen den 1. FC Union anschauen, live im Olympiastadion. „Mir ist vor dem Fernseher fast die Apfelschorle vor Lachen aus der Hand gefallen“, erinnert sich Thomas Herrich aus Herthas Geschäftsleitung. Die Einladung ins Stadion ging prompt raus, wahrscheinlich nimmt Kusmagk seinen Vater mit.

Es sitzen eine Menge bekannter Gesichter unter den gut 74 000 Zuschauern, nicht nur Dschungelkönige, sondern auch „Tatort“-Kommissare, „Soko“-Ermittler, gestandene Fußballgrößen und auch Politiker wie der Präsident des Abgeordnetenhauses, Walter Momper, oder Wolfgang Thierse, der Bundestagsvizepräsident. Stammgäste im Olympiastadion sind auch Musiker wie Peter Fox (Herrich: „Ein smarter Typ, der hat echt Bock auf Fußball.“) sowie Schauspieler wie Jürgen Vogel oder Andrea Sawatzki („Der Stadionbesuch ist so was wie Familientradition bei uns.“). Und es werden Gäste auf der Ehrentribüne erwartet, die mit vielen Personenschützern anreisen. Verraten sei an dieser Stelle nur ein Herr, weil der sich schon mal mit der gesamten Familie im Hertha-Trikot ablichten ließ: US-Botschafter Philip Murphy – auch wenn der natürlich heute ganz neutral sein wird, qua Amt.

Es ist ein großer Tag, einer, dem etliche Berliner schon seit Wochen entgegenblicken. Hertha gegen Union, das gab’s schließlich noch nie im Olympiastadion, zumindest nicht in einem Spiel, in dem es um etwas geht. Und das ist an diesem Mittag wirklich der Fall: Die einen wollen unbedingt aufsteigen, die anderen unbedingt den Abstieg verhindern. Das Zweitligaderby war rasch ausverkauft, die Tickets werden auf dem Schwarzmarkt zu satten Preisen von 100 Euro gehandelt.

Neu-Promi. Peer Kusmagk ist Hertha-Anhänger. Im Dschungelcamp sang er neulich sogar Fanlieder.
Neu-Promi. Peer Kusmagk ist Hertha-Anhänger. Im Dschungelcamp sang er neulich sogar Fanlieder.Foto: dpa

Sturm macht Fans einen Strich durch die Rechnung

Etwa 15 000 Rot-Weiße werden erwartet, mehr als 50 000 sind im Stadion für die Blau-Weißen. Und nicht nur dort. Die Kneipen haben ihre Biervorräte aufgefüllt und den Fernseher geputzt, viele Gaststätten öffnen schon morgens, weil das Spiel ja bereits um 13 Uhr angepfiffen wird. Stadtweites Frühschoppen nennt man das dann wohl. Der Fernsehsender Sky überträgt live. Wer heute zu spät in die Kneipe kommt, findet höchstens einen Stehplatz auf dem Bürgersteig.

Die S-Bahn setzt Sonderzüge ein, um die Massen rechtzeitig ins Stadion zu transportieren. Die Polizei ist im Großeinsatz (siehe Kasten links). Auch die Fanszenen beider Klubs haben sich auf diesen Mittag eingestimmt: Doch die Sturmwarnung für Berlin macht den Anhängern einen Strich die Rechnung: So muss die eigens für das Derby angedachte Choreografie der Hertha-Fans in der Ostkurve wegen der erwarteten hohen Windgeschwindigkeiten abgesagt werden. Dabei hatte man sich tagelange auf eine ganz spezielle Begrüßung der Gäste vorbereitet. Die Union-Fans planen eine gemeinsame Anfahrt zum Stadtrivalen und verteilen seit Tagen Flyer und Aufkleber. „Berlin ist … Rot-Weiß“, steht darauf. Treffpunkt: 10 Uhr am Alexanderplatz, unter der Weltzeituhr. Von dort fahren sie also gemeinsam zum Stadion.

Auf der Haupttribüne werden bis zum Mittag noch einige Vip-Tickets über den Tresen gehen. Bei vielen geladenen Gästen ist die Anwesenheit unsicher. Kommt Unions Hymnen-Sängerin Nina Hagen? Kann der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit seine privaten Termine verschieben? Drückt Gregor Gysi wieder Union die Daumen? Sitzt Bahnchef Rüdiger Grube in seiner Loge? Und kommt Moderatorin Minh-Khai wieder mit ihrem kleinem Sohn ?

Die Rivalität ist nicht nur im Stadion zu spüren und in der Kneipe, sondern auch am Arbeitsplatz – manchmal sogar in der eigenen Partei. Zum Beispiel bei den FDP-Politikern Christoph Meyer und Sebastian Czaja. Vor Beginn der Saison ist der gebürtige West-Berliner und Fraktionschef Christoph Meyer Mitglied bei Hertha geworden. Der Fraktionsvize und geborene Ost-Berliner Sebastian Czaja unterstützt ebenfalls seit letztem Jahr als Mitglied die Unioner. Beide Liberale werden in den jeweiligen „Vereinsfarben“ ins Stadion gehen. Ob sie nebeneinander sitzen, wissen sie noch nicht.

In zwei Wochen steht schon das nächste Derby an im Olympiastadion, diesmal gegen Cottbus. Aber so brisant wie das Spiel zwischen Union und Hertha wird es lange nicht. „Bei uns sind diesmal wirklich sehr viele Anfragen eingetrudelt“, sagt Herrich, der Mann aus Herthas Führungsriege. „Noch mehr werden es wohl erst am 15. Mai.“

Dann ist letzter Spieltag, gegen Augsburg. Ein Heimspiel. Es könnte Herthas letztes sein in der Zweiten Liga.

Mitarbeit: Sabine Beikler

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