Berlin : Königin Silvia kommt zum Geburtstagsfest

Vor 100 Jahren wurde die schwedische Gemeinde gegründet

Elisabeth Binder

Im Garten werfen sich Kinder die Bälle zu, am Rande des Rasens laden Holzbänke zum Sitzen ein. Schwedische Idylle in der Victoriagemeinde in Wilmersdorf. Einst spielten sich hier dramatische Szenen ab. Während des Krieges versteckten die Pfarrer der schwedischen Gemeinde in der Landhausstraße Juden und politisch Verfolgte des Nazi-Regimes. Zwei deutsche Polizisten, die in der Wache gegenüber stationiert waren, halfen ihnen dabei. Waren die Rollläden geschlossen, hieß es, dass Gestapo in der Gegend ist, also Vorsicht geboten. Für die Polizisten Mattick und Hoffmann wird am 14. Juni eine Gedenktafel enthüllt. Einen Tag später ist im Dom die Feier zum 100-jährigen Bestehen der Schwedischen Victoriagemeinde. Dazu wird auch das schwedische Königspaar in Berlin erwartet. Zelebriert wird der Gottesdienst vom höchsten Würdenträger der schwedischen Kirche, dem Erzbischof von Uppsala, Karl Gustaf Hammar. Anschließend gibt es für 800 Gäste einen Empfang im Roten Rathaus, zu dem auch der Bundespräsident erwartet wird.

Besonders Königin Silvia interessiert sich sehr für die Gemeinde. Lange bevor sie den künftigen König von Schweden kennen lernte, gab es bereits eine Verbindung zwischen dieser Gemeinde und ihrer Familie. In Leipzig war ihr inzwischen verstorbener Onkel, Pfarrer Sommerlath, eine wichtige Bezugsperson für die Gemeinde in der DDR. Beim alljährlichen Gedenkgottesdienst für Gustaf II. Adolf, der an dessen Todestag jeweils am 6. November in Lützen gefeiert wird, war er oft dabei. Hinter dem Altar in der mit hellen schwedischen Holzmöbeln ausgestatteten Kirche hängt ein leuchtend goldener Teppich mit goldenen Stegen, Werk einer schwedischen Künstlerin mit dem Titel „Die Jakobsleiter“. Dieses Altartuch schenkte das schwedische Königspaar der Gemeinde 1991. Regelmäßig stiftet Königin Silvia zudem eine Decke für den alljährlichen Weihnachtsbasar. Diesmal wird König Carl Gustaf und Königin Silvia ein Geschenk überreicht. Eine über 500 Seiten starke Jubiläumsschrift zur Geschichte der Gemeinde, geschrieben von Sven Ekdahl. Den Druck unterstützte der König mit einer Spende, von der er Pfarrer Peter Wänehag persönlich in Kenntnis setzte.

Nachdem die Gemeinde am 7. Juni 1903 in der Klosterkirche in Mitte gegründet worden war, zählte sie bald einige hundert Mitglieder. Man sehnte sich nach einem eigenen Gemeindezentrum und sammelte Geld. Das fraß die Inflation. Spenden aus Schweden machten es möglich, ein großes Grundstück mit einer Stadtvilla in der Landhausstraße zu kaufen. Heute zählt die Gemeinde noch 600 Mitglieder, rund 50 kommen sonntags zum Gottesdienst. Die schwedische Kirche ist der anglikanischen sehr ähnlich. Zwar ist der König nicht mehr Oberhaupt, aber die Kombination der evangelisch-lutherischen Ausprägung mit liturgischen Elementen, die an katholische Zeremonien erinnern, ist gleich.

In der Bibliothek der Gemeinde steht ein besonders fröhliches Foto von Königin Silvia am Empfang. Die Kinderbibliothek wurde von Studenten einst nach dem schwedischem System aufgebaut. Im Café liegen schwedische Zeitungen und Zeitschriften aus. Der ganze Gebäudekomplex hat heute eine sehr freundliche, eben typisch schwedische Ausstrahlung. Es gab Zeiten, da es bedrückender zuging. Der Film „Waldhausstraße“, gedreht 1960 mit Hellmut Lange in der Hauptrolle, zeigt das ganz besonders. Er erzählt die Geschichte der Pfarrer, die während des Krieges in Berlin eingesetzt waren und Flüchtlinge versteckten. Einer von ihnen, Erik Perwe, kam bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz 1944 ums Leben. Eine heute fast 80-jährige Frau, die sich an diese Zeit noch gut erinnern kann, wird zum Jubiläum erwartet. Sie war auch Zeugin, wie die Russen am 1. Mai 1945 kamen und nach Wodka suchten. Als sie nur Essig fanden, brannten sie aus Wut die Kirche nieder. Nur der Glockenturm blieb stehen.

Heute bewohnt die Gemeinde einen ganzen großen Häuserkomplex, den die Kinder der dort ebenfalls untergebrachten schwedischen Schule nachgebaut haben. Pfarrer Peter Wänehag, seit fünf Jahren in Berlin, sieht richtig stolz aus, als er das Modell präsentiert.

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