Berlin : "Körperwelten": Unter die Haut

Amory Burchard

Die erfolgreichste Wanderausstellung der Welt kommt nach Berlin: "Körperwelten. Die Faszination des Echten." Seitdem der Heidelberger Pathologe Gunther von Hagens 1996 seine Sammlung konservierter Leichenpräparate auf die Reise schickte, sahen sieben Millionen Menschen die Ausstellung. Allein in Köln waren es von Februar bis Juli 2000 rund eine Million, in Mannheim von August letzten Jahres bis Ende Januar dieses Jahres 600 000. Im Postbahnhof im Ostbahnhof werden vom kommenden Sonnabend an 200 Präparate und 25 "Ganzkörperplastinate" gezeigt. Das Material der Schau, die tiefe Einblicke in alle Zonen der menschlichen Anatomie ermöglicht, macht die "Körperwelten" gleichzeitig zu einer der umstrittensten Ausstellung der Welt.

Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg wollte sie in Mannheim verbieten lassen. "Spiel mit Toten" warf der Berliner katholische Theologe Ernst Pulsfort dem Ausstellungsmacher von Hagens vor. Der evangelische Pfarrer Rolf Hanusch sah die "Körperwelten" als "theologische Herausforderung". Als einige Präparate 1998 in der Ausstellung "Die Macht des Alters" im Kronprinzenpalais gezeigt wurden, zeigte eine empörte Besucherin von Hagens wegen Verletzung der Menschenwürde an - ohne Erfolg.

Umstritten ist vor allem, dass in den "Körperwelten" nicht künstliche anatomische Modelle, sondern echte Leichen gezeigt werden. "Plastination" ist ein Verfahren zum Konservieren Verstorbener. Erfunden hat es Gunther von Hagens. Um seine Idee zu vermarkten, gründete er 1994 das Institut für Plastination. Dort werden die sterblichen Überreste von Menschen, die dies als ihren letzten Willen bekundet haben, nach dem Tode konserviert. Die Leiche oder Teile von ihr - etwa der Kopf, das Herz oder die Gebärmutter - werden zunächst in Formalin eingelegt, um die Verwesung zu verhindern. In einem Acetonbad werden dann das Gewebswasser und das Gewebsfett durch das Lösungsmittel ersetzt. Der so präparierte Körper wird in einem Flüssigkunststoffbad unter Vakuum gesetzt. Der Kunststoff dringt über Tage und Wochen in jede Körperzelle. Das Produkt nennt sich "Plastinat". Die Präparate sind trocken und geruchslos.

"Körperwelten" heißt: Wie Reisende können die Besucher das Innere der Körper erkunden. Für optische Reisen unter die Haut wird diese abgezogen. "Schubladen" fördern das Gedärm zu Tage. Bei einzelnen Toten ist das Nervensystem freigelegt, bei anderen die Muskelstruktur. Scheibenplastinationen zeigen Querschnitte durch Organe oder ganze Menschen. Von Hagens sieht sich als Mediziner und Anatom und ausdrücklich nicht als Künstler. Aber er zeigt weitaus mehr, als eine nüchtern aufklärende anatomische Sammlung. Von Hagens arbeitet wie ein medizinischer Kunsthandwerker. Er stellt seine "Ganzkörperplastinate" in Posen griechischer Statuen oder Reiterstandbilder dar. Es gibt einen Schachspieler, einen Polonäse tanzenden Reigen und - das neueste und monumentalste Stück - einen Reiter auf einem sich aufbäumenden Pferd. Eine Schwangere legt von Hagens in Rekelpose auf ein Podest. Die Bauchdecke ist abgeschält, die Gebärmutter geöffnet. Der acht Monate alte Fötus kauert kopfunter - für immer erstarrt im Tode vor der Geburt.

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