Kofferchaos : Tausende haben noch einen Koffer in Berlin

Der Luftverkehr mag sich wieder normalisiert haben – aber das Kofferchaos auf dem Flughafen Tegel hat sich weiter verschärft. Es türmen sich Taschen aus aller Welt. Viele Besitzer haben die Stadt längst wieder verlassen.

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Herrenlos. Die Ankunftshalle E wurde zur Sortierstation umfunktioniert.
Herrenlos. Die Ankunftshalle E wurde zur Sortierstation umfunktioniert.Foto: During

Am Mittwoch war die Zahl der verlorenen Gepäckstücke, die ihren Besitzern zugeordnet werden müssen, auf rund 5000 gewachsen. 4500 davon stammen von der Lufthansa, die aus Sicht des Dienstleisters Globe-Ground die Hauptschuld an dem Chaos trägt.

Ein Großteil des Gepäcks muss im Freien gelagert werden. Inzwischen werden die Gepäckkarren knapp, es kommt zu Engpässen bei der Flugzeugabfertigung. Am Dienstag hatten die Passagiere eines Fluges aus Miami gut zwei Stunden auf ihr Gepäck warten müssen – weil es an freien Karren mangelte. Fast 100 davon stehen auf dem Vorfeld und in einer endlos wirkenden Reihe auf einer Betriebsstraße hinter dem Parkhaus. Auf ihnen türmen sich Koffer und Taschen von Reisenden aus aller Welt, die nach den winterbedingten Flugstreichungen der vergangenen Wochen schneller umgebucht wurden als ihr Gepäck. Wenn es um die Koffer geht, sind alle betroffenen Passagiere zur Einklassengesellschaft geworden, in den Gepäckbergen haben die „Priority“-Anhänger der First-Class-Vielflieger ihre Bedeutung verloren.

Nach einem Behälter mit der Kamera eines TV-Teams wird noch gesucht, berichtet Susanne-Katharina Kahland von Globe-Ground Berlin. Das Unternehmen ist in Tegel für die Gepäckermittlung der meisten Airlines zuständig. Kahland berichtet von wahren Dramen an den Meldeschaltern für vermisstes Gepäck, an denen es zu den Weihnachtsfeiertagen bei rund 2000 Verlustmeldungen bis zu dreistündige Wartezeiten gab. Großeltern brachen in Tränen aus, weil die Geschenke für die Enkel nicht da waren. Reisende verzweifelten, weil sie Wohnungsschlüssel, Bargeld oder wichtige Medikamente in den Koffer statt ins Handgepäck gelegt hatten. Für eine Reisende aus Guatemala musste Ersatz für ein verschollenes Sauerstoffgerät besorgt werden.

Um den Kofferberg abzubauen, hat Globe-Ground zusätzliche Hilfskräfte engagiert und Nachtschichten eingerichtet. Weil die Transportfirma, die das Gepäck an Besitzer in Berlin und Brandenburg ausliefert, an ihre Kapazitätsgrenzen stößt, ist ein zweites Fuhrunternehmen verpflichtet worden. Bis zu 500 Stücke werden täglich ihren Besitzern gebracht.

Doch bisher treffen täglich ebenso viele neue Gepäckstücke in Tegel ein. Schuld sei die Lufthansa, heißt es bei Globe-Ground. Die schicke alles Gepäck, das einmal für Berlin bestimmt war, ungeprüft aus Frankfurt und München per Lkw nach Tegel. Hier muss jedes Stück gesichtet und mit den weltweiten Suchmeldungen abgeglichen werden. Dabei zeigt sich, dass es sich bei fast jedem dritten Betroffenen um einen Berlin-Besucher handelt, der längst an seinen Heimatort zurückgekehrt ist. Dorthin muss dann auch der Koffer auf den Weg gebracht werden.

„Von Schuldzuweisungen hat niemand etwas, am allerwenigsten der Passagier“, sagte Lufthansa-Sprecher Thomas Jachnow. Ursache für das Chaos sei der Wintereinbruch. Die Koffer könnten nur am ursprünglichen Zielort zugeordnet werden. Dem widerspricht man bei Globe-Ground und vermutet einen anderen Hintergrund. In Frankfurt und München muss die Lufthansa das Gepäck mit eigenem Personal sortieren. In Berlin ist der Service im Pauschalpreis enthalten, den der Dienstleister für die Flugzeugabfertigung erhält.

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