Kolumne "Meine Heimat" : Lieber loslassen und etwas Neues anfangen

Hatice Akyün fühlt sich immer mehr wie der arme Sisyphos mit seinem Stein: Wer beide Hände immer voll hat, um ja nichts zu verpassen, hat auch nie eine Hand frei, wenn etwas Neues vorbeikommt.

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Tagesspiegel-Kolumnistin, Hatice Akyün.
Tagesspiegel-Kolumnistin, Hatice Akyün.Foto: Promo

Ich komme mir vor wie Sisyphos. Das ist der Typ aus der griechischen Mythologie, der einen Stein den Berg hochwälzt, doch sobald er oben ist, rollt ihm das Ding einfach wieder runter – und so beginnt die Arbeit wieder von vorn. Sisyphosarbeit ist eine nicht enden wollende Mühsal, deren Sinn sich irgendwann niemandem mehr erschließt. Neulich las ich, dass die Griechen mittlerweile die höchste Wochenarbeitszeit in Europa haben und wie ihre Ahnen trotzdem nicht aus dem Quark kommen.

Dieser Sisyphos war ein ausgemachter Schlaumeier, weswegen er es sich bei den Göttern verscherzt hatte. Die mochten es gar nicht, wenn das einfache Fußvolk eigenen Grips hatte und den unverschämterweise auch noch einsetzte. Kurzum, dafür schickten sie ihn in die Endlosschleife manueller Arbeit, um seinen IQ zu beleidigen. Was wäre wohl passiert, wenn Sisyphos den blöden Felsbrocken einfach losgelassen hätte? Zumindest gäbe es dann eine andere Fassung der Geschichte. Aber wissen Sie, warum er es nicht tat, obwohl er klug war? Er hielt sich an die von oben gemachten Spielregeln.

Was das Festhalten bringt, frage ich mich in letzter Zeit immer öfter. Ich bin gezwungen, beim Jonglieren in der schreibenden Zunft alle möglichen Bälle in der Luft zu halten. Und so schiebe ich den ganzen aufgelesenen Wust und die Geistesblitze samt den Dingen, die ich schon immer mal machen wollte, vor mir her. Immer in der Hoffnung, in einem der Bälle möge der Hauptgewinn stecken. Aber genau das ist mein Dilemma. Hinzu kommt, dass ich nur in einer festen Reihenfolge arbeiten kann. Schon seit der Schulzeit ist das so, wo ich mich immer nur auf eine Klassenarbeit vorbereiten konnte. Eine Sache nach der anderen, chronologisch eben.

Beide Hände frei, um etwas Neues anzufangen

Früher galt das mal als Stärke. Heute, in einer Zeit, in der man flexibel sein muss und Multitasking Grundvoraussetzung für einen Job ist, hinke ich mit meiner steinzeitlichen Eigenschaft hinterher. Sich auf eine Sache konzentrieren, dafür alles zu geben, um sie nicht mittelmäßig, sondern sehr gut zu machen, löst bei meinen Kollegen nur mitleidiges Kopfschütteln aus. Mich am Dienstag auf einen Termin am Sonnabend vorzubereiten, weil ich die Unterlagen für Donnerstag erst am Mittwoch bekomme, geht einfach nicht. Nach Donnerstag kommt der nächste Punkt auf der To-do-Liste dran, auch wenn es wieder sehr, sehr eng wird. Deshalb schreibe ich diese Kolumne immer am Sonntag, auch, wenn sie im Kopf manchmal schon am Mittwoch fertig ist.

Worauf ich hinauswill ist: Wer beide Hände immer voll hat, um ja nichts zu verpassen, hat dann auch nie eine Hand frei, wenn etwas Neues vorbeikommt. Das Geheimnis im Zugreifen liegt im Loslassen davor. Denken Sie mal einen Moment darüber nach, an wie vielen Dingen wir uns festhalten – aus Gewohnheit, aus Tradition, aus Hoffnung oder aus Trotz. Bei mir ist es die Ungewissheit darüber, was passiert, die mich immer öfter zurückschrecken lässt.

Nun habe ich also diesen eigenartigen Gedanken des Loslassens in mir, der einhergeht mit dem Wunsch, wieder beide Hände frei zu haben, um etwas Neues anzufangen, mit der Furcht, ins Bodenlose zu fallen. Wer aber nichts zu verlieren hat, sollte sich nicht an Illusionen klammern, sondern erkennen, dass der Mut zum Risiko in Wirklichkeit nur die Überwindung des eigenen Phlegmas ist. Oder wie mein Vater sagen würde: „Türk gibi basla. Alman gibi bitir.“ Beginne eine Sache wie ein Türke, mit Leidenschaft. Beende sie wie ein Deutscher, mit Beharrlichkeit.

Hatice Akyün ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause. An dieser Stelle schreibt sie immer montags über ihre Heimat.

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