Kolumne: Meine Woche (82) : Tag der Arbeit

Der Syrer Ahmad Al-Dali, 26,ist seit Mai 2015 in Berlin. Hier erzählt er, wie ihm die Stadt begegnet.

Ahmad Al-Dali
Newcomer Ahmad Al-Dali.
Newcomer Ahmad Al-Dali.Photo: Georg Moritz

Ahmad, wie war Ihr erster Mai?

Wir waren auf dem Myfest und haben Flyer für die Schlafplatzorga verteilt. Die Unterstützung ist in letzter Zeit weniger geworden. Wir standen an einem Stand von einem Freund von mir aus Gambia. Da lief auch Reggae-Musik, die Stimmung war super.

Letztes Jahr waren Sie demonstrieren. Hatten Sie keine Lust, wieder mitzugehen?
Irgendwie fehlt mir beim Demonstrieren etwas. Nur durch die Straßen zu laufen und Transparente hochzuhalten, reicht nicht, um etwas zu verändern.

Haben Sie von den Demos der Gewerkschaften am Brandenburger Tor gehört?
Klar, zum Tag der Arbeit. In Syrien gibt es den auch. Auf Arabisch heißt er Eid Alomal. In den vergangenen Jahren richteten sich die Demonstrationen aber meist gegen Assad. Für die Rechte der Arbeiter hat dort keiner demonstriert.

Ist der Tag der Arbeit dort auch der 1. Mai?
Ich glaube schon.

Wie, Sie glauben?
Manchmal tue ich mich mit genauen Datumsangaben etwas schwer – ich habe ja auch zwei Geburtstage.

Das müssen Sie jetzt aber erklären.
Geboren bin ich am 18. November 1990, in meinen Papieren steht der 1. Januar 1991. Das gibt es in Syrien öfter, bei drei von meinen Freunden ist das ähnlich. Eltern machen ihre Kinder jünger, damit sie erst später in die Armee müssen.

Wenn wir schon vom Militär sprechen – was halten Sie von dem deutschen Soldaten, der sich als Flüchtling ausgegeben hat?
Bescheuert, so was. Irgendwie eine komische Sache. Der Prozess, als Flüchtling anerkannt zu werden, war schwierig. Ich musste mehrfach vorsprechen, sogar meine Stadt auf einer Landkarte zeigen, um zu beweisen, dass ich aus Syrien komme. Und er soll einfach akzeptiert worden sein? Das kann ich mir nur schwer vorstellen.

Die Fragen stellte Helena Wittlich.

Diese Kolumne ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

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