Berlin : Kommt gar nicht in die Tüte

In einer ungewöhnlichen Aktion beziehen bekannte Boxer Stellung gegen Gewalt gegen Frauen

Constance Frey

Auch Brötchen transportieren jetzt eine Botschaft. Seit Anfang der Woche werden in Berlin Backwaren in Tüten verpackt, die mit Bildern Prominenter und Slogans gegen häusliche Gewalt aufrufen. Die Aktion ist Teil des heutigen internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen. Renate Bremmert, Frauenbeauftragte von Neukölln, hat die Idee in Köln gesehen und hier umgesetzt. Auch in Charlottenburg fand man die Kölner Initiative inspirierend und druckte Tüten. In Charlottenburg lieferte die Lebensmittelkette Kaiser’s allein 200000 Exemplare. 50000 weitere sind über Spenden finanziert worden. Christine Rabe, Frauenbeauftragte in Charlottenburg-Wilmersdorf, freut sich: „Kaiser’s hat bereits für nächstes Jahr zugesagt. Die Polizei ist begeistert und will jetzt beobachten, ob sich durch die Aktion mehr Frauen trauen, Anzeige zu erstatten.“ Ihre Neuköllner Kollegin Renate Bremmert organisierte insgesamt 170000 Tüten mit Aufschrift. Die Bäckereibetriebe Steineckes und Märkisches Landbrot werden sie in ihren Filialen benutzen. „Ich bin sehr stolz auf die 5000 Tüten mit türkischem Slogan, die der türkische Unternehmerverband auf eigene Kosten gedruckt hat. Das ist ein Durchbruch.“

Der frühere Box-Profi Axel Schulz und der Profiboxer Cengiz Koç zeigen auf den Papiertüten aus Neukölln Gesicht gegen Gewalt. Morgens um acht Uhr wird Frauensenator Harald Wolf in einer Neuköllner Bäckerei selbst Brote in besagte Tüten einpacken. Und um elf Uhr hisst Cengiz Koç dann mit Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky vor dem Neuköllner Rathaus eine blaue Fahne mit der Aufschrift „Frei leben ohne Gewalt“. Vor drei Jahren hat Terre des Femmes mit dieser Aktion begonnen, insgesamt werden in Berlin 40 Fahnen wehen.

In Berlin rückt die Polizei pro Jahr zwischen 12000 und 14000 Mal in Fällen häuslicher Gewalt aus. Jährlich flüchten 2500 Frauen in Berliner Frauenhäuser und Zufluchtswohnungen. 1650 Anzeigen wurden seit Anfang 2003 in Charlottenburg-Wilmersdorf und Spandau erstattet. „Das ist nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Christine Rabe. Bei der BIG-Hotline, dem Notruf bei häuslicher Gewalt, gingen dieses Jahr schon knapp 5000 Anrufe ein. Das Team der mobilen Intervention, das direkt zu den Frauen fährt, war bereits 84 Mal im Einsatz, 2002 fuhr es zu 215 Frauen. Renate Bremmert hofft dauerhaft auf mehr Aufmerksamkeit. „Je mehr die Gewalt öffentlich gemacht wird, umso mehr Mut haben die Frauen. Gewalt ist kein Kavaliersdelikt.“

BIG-Hotline 6110300. Spenden für die BIG-Hotline an die Deutsche Bank, Konto- Nummer 398000000, BLZ 10070000.

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