Kompromiss im Eidechsen-Streit : Lenins Kopf darf ausgebuddelt werden

Damit Lenins verbuddelter Kopf geborgen werden kann, müssen Zauneidechsen in Treptow weichen. Im August geht es los. Danach kann auch der Revolutionär umziehen – ins Museum.

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Lenin beim Abtransport 1991. Er stand auf dem heutigen Platz der Vereinten Nationen.
Lenin beim Abtransport 1991. Er stand auf dem heutigen Platz der Vereinten Nationen.Foto: Andreas Altwein/dpa

Obwohl sie ihre Lederhaut gern’ von der Sonne gerben lässt und eine (entfernte) Verwandte des perfekten Jägers ist, des Krokodils, ist die Berliner Zauneidechse in Wahrheit ein empfindsames Wesen. Eines zumal, das noch verwundbarer ist, seitdem unsere Welt geprägt ist von der Entfremdung, die Bagger, Bau- und andere Maschinen so mit sich bringen und der Wladimir Iljitsch Lenin einst den Kampf ansagte. Dass nun dennoch ausgerechnet dieser, nämlich Lenin, jener, also der Zauneidechse, posthum den Gar auszumachen droht, gehört wohl zur Ironie d(ies)er Geschichte.

Eidechsen sollen sich vergrämen

Worum es hier geht? Der rund neun Meter hohe Kopf der Lenin-Skulptur, die 1991 in Friedrichshain abgerissen und im fernen Köpeniker Forst vergraben liegt, wird nun wohl tatsächlich ausgebuddelt. Das aber bedroht den Lebensraum der Zauneidechsen, die auf dessen Ruhestätte heimisch wurden. Dennoch meldet die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung nun: „Die zuständige Naturschutzbehörde ist zurzeit in der Anhörung zur Sondergenehmigung für die Vergrämung der Zauneidechsen“ – und das ist der erste Schritt zur Erteilung eines Bescheides.

Grämen sollen sich die Echsen und verschwinden vom Zwischenlager des strahlenden sozialistischen Helden, damit dessen Kopf unter den 129 anderen Skulptur-Gesteinen geborgen werden kann – ohne weiteren Schaden an Mensch und Echse. Aber geht das überhaupt? Ganz und gar nicht – jedenfalls nicht sofort und unverzüglich, erklärten jüngst Grüne und Piraten und legten das im Umweltausschuss des Bezirksparlaments überzeugend dar. Eine fachgerechte Vergrämung müsse in der Aktivitätsperiode der Tiere erfolgen, sagte Andrea Gerbode (Grüne), und die liege zwischen dem April und dem Oktober, je nach Witterung. „Frühestens im Oktober“ könne also die Bergung erfolgen.

Umsiedlung im August vorgesehen

„Schockiert“ hatte dies wiederum Spandaus Kulturamtsleiterin Andrea Theissen, die Lenin für ihre Ausstellung im neuen Museum der Zitadelle haben will. „Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler“ heißt die Schau. Wer Frau Theissen deshalb tierfremde Erwägungen unterschieben will, tut ihr Unrecht, sie hatte den Antrag missverstanden und vermutet, dass nicht Lenin im Oktober geborgen werden sollte, sondern die Tiere. Und dies wäre fatal, wie auch der Echsen-Forscher einer brandenburgischen Naturschutzstation, der aus Sorge um seinen Job ungenannt bleiben will, sagt: „Im Herbst liegen viele Echsen schon in ihrem Winterquartier und können nicht mehr reagieren.“ In Mäuselöchern oder anderen Aushöhlungen ziehen sie sich zurück, fahren den Kreislauf runter und fasten bis die Tage wieder länger werden. „Wie gelähmt“ sind sie deshalb, selbst dann, wenn Bagger dröhnen.

Im Wald bei Müggelheim wurde Lenin vergraben.
Im Wald bei Müggelheim wurde Lenin vergraben.Foto: Stefan Jacobs

Besser sei es deshalb, die Echsen im Sommer umzusiedeln. Das sieht nun wohl auch das neue „Vergrämungskonzept“ vor: Im August könnte die Umsiedlung erfolgen, wobei den Echsen einen neuen, frisch gemähten und leicht gerodeten Zweitwohnsitz angeboten wird, den sie über einen abgezäunten Weg erreichen, wie man ihn zur Rettung von Kröten schon mal anlegt.

„Wir tun alles dafür, dass keine Gefährdung eintritt“, versichert jedenfalls Andrea Theissen. Ihr Bezirk hat das wissenschaftliche Konzept für den Echsen-Exodus bezahlt und die Kulturamtschefin glaubt, dass die Naturschutzbehörde bei der Anhörung auf ernsthafte Bedenken von Biologen und Experten eingehen wird. „Das ganze Konzept wird nicht scheitern“, ist sie deshalb zuversichtlich.

Lenins Einzug in die Zitadelle

Zumal den Echsen das mutmaßliche Schicksal wohl so jeder Berliner Großbaustelle zu Hilfe kam: Eine Decke des neu eingerichteten Museums musste aufwendiger saniert werden, als Fachleute erwarteten. Deshalb kann die Ausstellung, die Theissen zufolge „schon lange fertig ist“, erst Ende September aufgebaut werden.

Das Lenin-Denkmal in Berlin-Friedrichshain
Im November 1991 war's soweit. Das Denkmal in Berlin-Friedrichshain wurde vorsichtig abgebaut.Weitere Bilder anzeigen
1 von 13Foto: dpa
16.08.2014 13:19Im November 1991 war's soweit. Das Denkmal in Berlin-Friedrichshain wurde vorsichtig abgebaut.

In Treptow-Köpenick hört man das mit Genugtuung. Denn von Kompromissen beim Naturschutz will man dort nichts wissen. „Wir würden uns gegen jeden Verstoß gegen Naturschutzgesetze wehren“, gibt sich Bezirksstadtrat für Umwelt Rainer Hölmer standhaft. Und so kommt auch diese Geschichte zu ihrem versöhnlichen Ende: Mit fröhlichen Echsen im frisch gemähten Forststück und die unblutige Eroberung der Zitadelle durch den revolutionären Helden Lenin.



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