KOOPERATIONSPARTNER REHATEST : Pumpstationen

Herzschwäche, Herzrythmusstörungen, Herzinfarkt – Patienten, die deswegen ins Krankenhaus kamen, wissen dass sie ihr Leben radikal ändern müssen. In der Rehabilitation erfahren sie, wie, das geht: Mit Anleitung und gemeinsam mit anderen macht der gesunde Sport einfach mehr Spaß.

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Mangelnde Bewegung, Übergewicht und Tabakkonsum. So kurz ist die Zutatenliste für die Todesursache Nummer eins: Herzinfarkt. Und der ist ein schneller Killer. Die Hälfte der Herzinfarktpatienten stirbt innerhalb eines Monats. Diejenigen, die überleben, müssen ihren Lebensstil oft radikal ändern – oder sie riskieren erneut einen Infarkt. Doch ein Leben lang eingeschliffene Gewohnheiten los zu werden, ist nicht leicht. Und noch schwerer ist es, das aus eigener Kraft zu schaffen.

Deshalb helfen kardiologische Rehaeinrichtungen, Patienten nach einer Herzoperation wieder fit für das Leben zu machen. Eine von ihnen ist die Klinik am See in Rüdersdorf bei Berlin. Umgeben von dichtem Wald, nur an eine wenig befahrene Straße grenzend, garantiert die Lage des Rehazentrums, dass Lärm und Schmutz der nahen Großstadt für den oft dreiwöchigen Aufenthalt vergessen werden können.

Jürgen von Kropidlowski musste in den letzten Jahren viel Kummer ertragen. Lange begleitete und pflegte der 65-Jährige seine kranke Frau, bis sie schließlich am Bauchspeichelkrebs verstarb. Die Signale seines eigenen Körpers vernachlässigte er dabei. Seine psychischen Probleme ignorierte er genauso wie den diffusen, unbestimmbaren Druck auf dem Herzen. Schon lange litt er an Bluthochdruck. An Sport war nicht zu denken, so schlapp wie er sich meistens fühlte. Stattdessen konnte abends um 11 Uhr nebenbei beim Fernsehen schon mal eine Packung Wurst verschwinden. So brachte der ehemalige Produktmanager eines Papierwarenfabrikanten 118 Kilo auf die Waage. Eine Typ-2-Diabetes, also eine durch Fehlernährung hervorgerufene Stoffwechselerkrankung, folgte.

„Irgendwann habe ich mich dann auf mich selbst besonnen“, sagt von Kropidlowski. Fast ein dreiviertel Jahr nach dem Tod seiner Frau, suchte er im Januar 2011 einen Kardiologen auf. In der Aufnahme des Magnet-Resonanz-Tomografen zeigten sich kleine weiße Striche auf Kropidlowskis Herzen. Es sind die Narben eines unbemerkten Herzinfarktes. Auch die Auswurffraktion, also die Menge Blut, die ein Herzschlag in den Körper pumpt, liegt bei ihm nur bei 35 Prozent eines jungen, gesunden Menschens. In seinem Alter sollten es jedoch noch mindestens 60 Prozent sein. Kropidlowski leidet an einer Kardiomyopathie, zu Deutsch Herzschwäche. Vier Bypässe müssen ihm die Chirurgen der Charité legen, um das Blut wieder durch sein Herz strömen zu lassen.

16 Tage nach der Operation: Jürgen von Kropidlowski ist gerade in der Klinik am See angekommen. Er sitzt im Büro des Chefarztes Heinz Völler und trifft mit ihm eine so genannte Therapiezielvereinbarung. „Am Anfang einer jeden Herz-Reha steht die Frage, was der Patient sich von der Therapie erhofft“, sagt Völler. Denn entscheidend für den Therapieerfolg sei es, den Betroffenen einzubeziehen und die Reha an seinen Bedürfnissen zu orientieren.

Von Kropidlowski will wieder mehr Lebensqualität genießen. „Die Kilos sollen runter“, sagt er. Mehr als zwei Stellen vor dem Komma soll die Waage nicht mehr anzeigen. Und etwas mehr körperliche Fitness wäre gut. „Ich war zwar nie Leistungssportler, aber jetzt möchte ich meine Grenzen neu ausloten.“ Beide Ziele – Gewichtsreduktion und körperliche Fitness – sind auch die Voraussetzung dafür, dass der 65- Jährige in Zukunft ein möglichst beschwerdefreies Leben führen kann. Denn mit Bewegung, gesunder Ernährung und weniger Gewicht auf den Rippen beugt er dem Fortschreiten seiner Zuckerkrankheit vor. „Diabetes ist nicht nur eine Stoffwechselkrankheit, sondern auch eine Gefäßerkrankung“, sagt Chefarzt Völler. Durch Ablagerungen und Verkalkungen in den großen Blutgefäßen kommt es zu Durchblutungsstörungen. Außerdem verlieren die Gefäßwände ihre Elastizität. Schlaganfall und Herzinfarkt drohen.

Deshalb steht nicht weniger als ein Lebensstilwandel auf dem Reha-Programm. Um die alten Verhaltensmuster aufzubrechen, unterstützt ein interdisziplinäres Team aus Kardiologen, Psychologen, Sporttherapeuten, Diabetologen und Ernährungsberatern die Patienten.

Eine große Rolle bei der Entstehung von Bluthochdruck spielt neben Übergewicht und Bewegungsmangel die Ernährung. Gesättigte Fette, kalorienreiche Lebensmittel und Natrium – ein Bestandteil von Kochsalz – können den Blutdruck erhöhen. Deshalb raten die Ernährungsberater der Rehaklinik, besonders fettige und salzreiche Lebensmittel wie gepökeltes Fleisch oder salzige Nüsse nur selten zu verzehren. Stattdessen empfehlen sie Früchte, Gemüse und Vollkornprodukte. Milchprodukte liefern Calcium, das der Hypertonie entgegenwirkt. Auf Fett und Öl in der Küche muss nicht verzichtet werden. Es sollte nur das richtige verwendet werden: Ungesättigte Fette wie Olivenöl und Omega-3- bis Omega-6-Fettsäuren aus Rapsöl, Leinsamen oder Fisch senken den Blutdruck.

Ein Blick in die Vitrine vor dem Seminarraum der Ernährungsberatung zeigt wie viel Fett und Zucker sich in Lebensmitteln verstecken. Neben einer Packung Gummibärchen prangert ein aus 77 Stückchen Würfelzucker errichteter Monolith - das sind 231 Gramm Zucker in einer 300 Gramm wiegenden Packung. Das 400 Gramm Glas Nougatcreme entzaubert ein bis zum Rand mit Öl gefüllter Messbecher - mehr als 100 Milliliter Fett und 72 Zuckerstückchen enthält die Kalorienbombe für die Sportler immer wieder gern werben. Geradezu harmlos erscheinen da die 13 Würfel Zucker die sich neben dem „Wasser mit Geschmack“ in die Höhe türmen.

„Wir erheben aber nicht den Zeigefinger, sondern wollen Spaß am Leben vermitteln“, sagt Völler. Nicht die Askese, sondern eine ausgewogene Ernährung stehe im Mittelpunkt der Ernährungsberater. „Es gibt keine Herzkost, es gibt nur gesunde Kost für alle“, sagt Völler.

Doch damit die Pfunde schwinden, muss von Kropidlowski nicht nur auf unnötige Kalorien beim Essen verzichten – aktiv Abnehmen heißt Fett verbrennen. Sporttherapeuten scheuchen deshalb beim Terraintraining die Rehabilitanden durch den angrenzenden Wald oder testen ihre Belastungsgrenze auf dem Fahrradergometer. Physiotherapeuten sorgen dafür, dass die Patienten beweglich bleiben. Alle Bewegungstherapien sollen den ganzen Organismus aktivieren. Nur der Brustkorb muss bei Rehabilitanden wie von Kropidlowski zunächst noch geschont werden, zu frisch sind noch die Wunden von der Herz-OP. Der 65-Jährige, der sich jahrelang so schlapp fühlte, ist zufrieden: „Von Tag zu Tag werde ich leistungsfähiger.“

Nicht jeder Patient verbringt nach einer Herzoperation und dem anschließenden Krankenhausaufenthalt, auch noch gern weitere drei Wochen in einer stationären Reha. Ambulante Rehaeinrichtungen wie das Herzhaus Berlin ermöglichen es Rehabilitanden, zu Hause zu wohnen und tagsüber in einer kardiologischen Reha Körper und Psyche wieder genesen zu lassen. Dazu bietet die wenige Straßenecken vom Checkpoint Charlie entfernte Tagesklinik wie auch ihre stationären Pendants das Spektrum kardiologischer Maßnahmen von Psycho- und Physiotherapie über Sozialberatung und Seminaren bis hin zur Nachsorgen.

„Von der stationären Reha unterscheidet uns die Wohnort- und Alltagsnähe“, sagt Jana Berkholz, Verwaltungsleiterin des Herzhauses. Vorteilhaft für den Therapieerfolg sei es dabei, dass die in der ambulanten Reha vermittelte Lebensstiländerung sogleich im gewohnten Umfeld in die Tat umgesetzt werden könne. So werde auch die Familie früh in die Therapie mit einbezogen.

Doch nur wer sich noch selbstständig versorgen könne oder ausreichend von Angehörigen betreut werde, eigne sich für eine ambulante Rehabilitation. Patienten, die nicht mehr oder noch nicht gut zu Fuß sind, werden vom Fahrdienst des Herzhauses abgeholt und zurück gebracht. „Bei einem alleinlebenden 80-Jährigen im fünften Stock wird das allerdings schwierig“, sagt Berkholz.

Für Rentner bietet die Tagesklinik in Berlin Mitte auch eine so genannte Intervallbehandlung an. Sie trainieren nur jeden zweiten Tag. Dadurch erstreckt sich die sonst dreiwöchige Behandlung auf sechs Wochen. Der Vorteil: In den therapiefreien Tagen können sich die körperlich nicht mehr so leistungsfähigen Senioren von ihren Strapazen erholen und den Kardiologen bleibt mehr Zeit, um die Medikamentendosierung auf den Patienten abzustimmen.

Im Durchschnitt dauert eine kardiologische Reha rund 15 Tage. „Das ist zu kurz, um in dieser Zeit festgefahrene Verhaltensmuster grundlegend zu ändern“, sagt Berkholz. Um den Therapieerfolg nachhaltig zu sichern, hat die Deutsche Rentenversicherung deshalb das Programm „Intensivierte Rehabilitationsnachsorge“ – kurz IRENA – aufgelegt. Berufsbegleitend erhalten die Patienten im Anschluss an die Reha sechs Monate lang 24 weitere Trainings- und Entspannungseinheiten mit dem Ziel, den Lebensstil nachhaltig umzukrempeln.

Wem das noch nicht reicht, dem bietet der gemeinnützige Rehasport e.V. in den Räumen des Herzhauses eine dauerhafte Möglichkeit, sich in diversen Sportgruppen fit zu halten. Rund 1000 ehemalige Patienten – davon 650 Herzpatienten – trainieren regelmäßig in diesem Verein, ohne Mitglied sein zu müssen.

Doch von Kropidlowski ist heute, knapp zwei Monate nach seiner Operation, erst einmal froh, wieder zu Hause zu sein. „Ein paar Kilo können noch runter", sagt er. Deshalb hat er in die vertraute Umgebung viele neue Ideen aus der Reha mitgebracht. „Statt mit Fett brate ich jetzt mit Mineralwasser.“

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KARDIOLOGIE



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