Berlin : Krabbenbrötchen am Havelstrand

Wie eine Plage zur Delikatesse wurde.

dpa/Gudrun Janicke
Na dann: Mahlzeit. Fischer Wolfgang Schröder präsentiert seinen Fang aus der Havel. Foto: Bernd Settnik/dpa
Na dann: Mahlzeit. Fischer Wolfgang Schröder präsentiert seinen Fang aus der Havel. Foto: Bernd Settnik/dpaFoto: dpa

Brandenburg/Havel - Für die Havelfischer sind sie teils eine Plage. Die eingewanderten Chinesischen Wollhandkrabben zerstören Netze und Reusen, und sie fressen auch schon mal den Fang. Natürliche Feinde haben sie nicht. Doch das ändert sich. In der Region gibt es immer mehr Menschen, die die ursprünglich im chinesischen Meer beheimateten Wasserbewohner als Spezialität schätzen. In Asien gehören sie ganz selbstverständlich auf den Speisezettel. Der Geschmack des Krabbentieres ähnelt dem von Krebsen.

Ein gepanzerter Körper, zwei große Scheren, sechs behaarte spinnenartige Beine: Ausgestreckt kommen sie auf eine Größe von bis zu 30 Zentimeter. Allein der Panzer ist bis zehn Zentimeter groß. Fischer Sven Ahlendorf aus Havelberg kann seine Fangchancen mit dem Blick aufs Thermometer abschätzen. „Wenn die Temperaturen steigen, gehen mehr Krabben ins Netz“, berichtet er. Hauptfangzeit sei von Juli bis September. Etwa 15 Kilogramm können ihm bei einer Ausfahrt ins Netz gehen – mal mehr, mal weniger. „Doch ein Problem bleibt: vor ihren scharfen Scheren ist kaum ein Kunststoffnetz sicher“, stöhnt Ahlendorf. Materialien von 1,2 Millimeter Dicke werden locker durchgeknackt. Bereits gefangene Fische sind verloren.

Die Chinesische Wollhandkrabbe gelangte um die Jahrhundertwende nach Europa, erzählt Erik Fladung vom Institut für Binnenfischerei Potsdam-Sacrow. Vermutlich wurden sie in den 1920er Jahren mit dem Ballastwasser von Handelsschiffen in Elbe und Weser eingeschleppt. Von dort breiteten sie sich rasant aus. Ein paar Jahrzehnte lang war Ruhe, dann wiederholte sich nach der Wende das Phänomen des massenhaften Auftretens. Grund war vermutlich die bessere Wasserqualität. In Brandenburg und Sachsen-Anhalt liefen Mitte der 1990er Jahre Forschungsprojekte, unter anderem um eine effektive Bestandsdezimierung zu prüfen. Auch Verwertungskonzepte wurden entwickelt. Mancherorts wird sie nun gedämpft und mit einer Ingwer-Balsamicosoße serviert.

„Natürliche Fressfeinde hat die Krabbe kaum“, sagt Fladung. Zur Vermehrung brauchen sie Salzwasser. Zum Ablaichen wandern sie hunderte Kilometer die Flussläufe hinunter. Die Jungtiere kehren von dort zurück – und schaffen flussaufwärts bis zu drei Kilometer am Tag.

Die Vermarktung der lebenden Tiere an Restaurants laufe, sagt der Geschäftsführer der Fischereischutzgenossenschaft Havel in Brandenburg/Havel, Ronald Menzel. Mengen könne er nicht nennen. „Das spielt aber im Vergleich zum normalen Fang keine große Rolle“, betont er. Der Brandenburger Fischer Werner Schröder aus Strohdene konnte sogar im chinesischen Staatsfernsehen seine Fangerfolge präsentieren. dpa/Gudrun Janicke

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