Berlin : Krach um die Bildung

Die Koalitionsverhandler taten sich schwer Jetzt kommt die Gemeinschaftsschule

Lars von Törne[Susanne Vieth-Entus]

Die Haushaltspolitiker mögen noch so knurren – SPD und Linkspartei/PDS haben es mit ihren Beschlüssen zu Jugend und Kita am Mittwochabend vielen Schulen und Familien recht gemacht. Insbesondere die Zusicherung eines festen Honorarbudgets für Vertretungskräfte, die Verschiebung des gemeinsamen Unterrichts für Erst- und Zweitklässler sowie die Aussicht auf gebührenfreie Kindergärten stieß auf viel Zustimmung. Begrüßt wurde auch, dass die Zahl der Referendarstellen 2008 und 2009 schrittweise um je 200 erhöht werden soll und dass die Koalition auf ein gerechteres Arbeitszeitmodell für Lehrer zusteuern will. Freuen wird die Eltern auch, dass der Essensbeitrag in den Kitas nicht steigen soll.

Auch die Befürworter der Gemeinschaftsschule wurden befriedigt: Immerhin will die rot-rote Koalition bis 2011 22 Millionen Euro für entsprechende Pilotprojekte ausgeben. Das Geld könnte beispielsweise dafür verwendet werden, dass eine Schule Kantine und Aufenthaltsräume für den Ganztagsbetrieb erhält. Denn darin sind sich alle einig: Eine Gemeinschaftsschule muss erstens Ganztagsförderung anbieten, zweitens möglichst von Klasse 1 bis 13 gehen und drittens die Kinder nicht in verschiedene Lernniveaugruppen aufsplitten, wie es bisher noch die Mehrzahl der Gesamtschulen tut („Fega-System“).

Die einzige Schule Berlins, die diese drei Kriterien schon erfüllt und allgemein zugänglich ist, ist die Britzer Fritz-Karsen-Schule. Längst waren Bildungspolitiker von SPD und PDS dort, um sich diese Schule genauer anzusehen. Allerdings haben inzwischen auch schon andere Schulen einen ähnlichen Weg eingeschlagen, darunter auch zwei Schulen konfessioneller Träger: die Evangelische Gesamtschule Neukölln und die Katholische Schule Sankt Franziskus in Schöneberg. Obwohl SPD und PDS den freien und kirchlichen Schulen sonst eher skeptisch gegenüberstehen, sind ihre Bildungspolitiker angetan von dem, was sich in diesen beiden Schulen tut. PDS-Fraktionschefin Carola Bluhm sagte gestern, sie gehe davon aus, dass auch freie Schulen, die Gemeinschaftsschule werden wollen, von dem 22-Millionen-Topf profitieren können.

Diese Aussage dürfte insbesondere die Evangelische Schulstiftung interessieren, denn es gibt Bestrebungen, dass sich zwei oder drei evangelische Grundschulen im Ost-Teil zusammentun und ihre Kinder nach der sechsten Klasse in einer zentral gelegenen Schule zusammenführen. Das hätte den Vorteil, dass die Kinder nicht zwischen den weit entfernten evangelischen Gymnasien und Realschulen aufgeteilt werden müssten.

Einiges deutet also darauf hin, dass es Freiwillige für das Pilotprojekt geben wird. So will die Schulkonferenz des Robert-Blum-Gymnasiums in Schöneberg schon am 7. November entscheiden, ob sie mitmachen will. Gedacht ist daran, eine komplette sechste Klasse einer Grundschule zu übernehmen und deren Kinder – egal welcher Begabung – mindestens bis zur 10. Klasse zu behalten. Das Probehalbjahr entfiele dann.

Die Linkspartei/PDS sieht die am Mittwoch nach einem zwölfstündigen Verhandlungsmarathon gefundene Einigung als „guten Anfang“, wie Fraktionssprecherin Kathi Seefeld sagte, auch wenn sich die Partei nicht in allen Punkten gegen die SPD durchsetzen konnte. Als Grund für die doppelt so lange wie geplant dauernden Verhandlungen nennt sie den „erhöhten Klärungsbedarf“, den die PDS-Verhandlungsführer untereinander und gegenüber der SPD zur Finanzierung der Gemeinschaftsschule und der Gratis-Kita gehabt hätten. Immer wieder hätten sich die Verhandlungsführer auch mit ihren Fachkollegen besprechen müssen, um zu sehen, wie weit man gehen könne. Die Einigung zu den Kitas, die zwar nicht mehr Betreuungsstunden, aber einen erleichterten Zugang vorsehe, sieht die PDS als „guten Kompromiss“. Die Regelung zur Gemeinschaftsschule ist für Fraktionssprecherin Seefeld ein „gelungener Einstieg“.

Bildungssenator Klaus Böger (SPD) sagte, wichtig sei, dass Eltern, Schüler, Lehrkräfte und Schulträger gemeinsam und freiwillig entscheiden, ob ihre Schule an dem Pilotprojekt teilnimmt.

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