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Kreativmekka Berlin : Sex, Drugs und ganz wenig Kunst

10.12.2012 14:18 Uhrvon
Eine Spende für die Musik.Bild vergrößern
Eine Spende für die Musik. - Foto: dpa

Vier australische Musiker ziehen nach Neukölln, um inspiriert vom Geist der Stadt das ganz große Album aufzunehmen. Es folgen Partys, Drogen, Mädchen, Kunstdebatten nonstop. Bis die Band merkt: In Berlin kann man zwar toll leben, aber unmöglich arbeiten.

Im April dieses Jahres zogen meine Bandkollegen und ich für drei Monate von Melbourne nach Berlin, um ein Album zu schreiben und unsere ersten Auftritte im Ausland zu spielen. Wir hatten Christopher Isherwoods Romane über das Berlin der Vorkriegszeit gelesen, wir hatten Dokumentarfilme über die Stasi gesehen, wir wussten, welchen Einfluss die Stadt auf Musiker wie David Bowie und Nick Cave gehabt hatte. Letztlich aber hing unsere Entscheidung nicht an der Geschichte oder Musikszene der Stadt; wir brachen auf, weil, wie unser Gitarrist Pat es ausdrückte, Berlin „der Ort ist, wo die Grenzen der Kunst ausgelotet werden“.

Für eine junge Band wie unsere hatte die Stadt eine Anziehungskraft, wie sie Paris und London seit Orwells Zeiten nicht mehr hatten: günstige Mieten, ein entspannter Lifestyle, Proben in ausgedienten Lagerhallen, Auftritte in verlassenen Spionagetürmen, inspirierende Gespräche mit Schriftstellern und Zirkuskünstlern – das waren die Szenarien, die wir in aufgeregter Vorfreude diskutierten. Berlin war in unserer Vorstellung der ideale Ort, um unsere Kreativität auszubrüten, sie durch bewusstseinserweiternde Auftritte zu verfeinern und schließlich das bemerkenswerte Album einzuspielen, von dem wir wussten, dass es uns vorherbestimmt war.

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Kunst im WeddingVideo abspielen
Berlin  28.09.2012 3:43 MinKunst im Wedding

Anfangs wurde Berlin unseren romantischen Erwartungen gerecht. Zu viert – Nachtgäste nicht mitgerechnet – teilten wir uns eine Zweizimmerwohnung in Neukölln, für nur 500 Euro im Monat. Unsere Couch wurde nachts zum Bett, unsere Herdplatten dienten eher als Stauraum als zum Kochen. In den ersten Wochen hatten wir keinen Strom, weshalb es kein heißes Wasser gab und in jedem Zimmer Teelichter standen, die verirrte Kleidungsstücke in Brand zu setzen drohten. Die Wohnbedingungen waren nicht hübsch, aber das war uns egal: Unser Proberaum lag nur fünf Minuten entfernt, und um uns wimmelte es von Bars, Parks, Mädchen und Tischtennisplatten. Wir waren in einem hedonistischen Paradies gelandet. Das Bier war billiger als Mineralwasser, die Drogen mühelos zu beschaffen, die beste Tanzmusik der Welt an jedem beliebigen Wochentag in Reichweite.

In den ersten Wochen lernten wir Modedesigner, Fotografen, Illustratoren, Filmemacher, Schriftsteller, andere Musiker und Dutzende exilierter Paradiesvögel kennen, die aus ihren Heimatländern nach Berlin geflohen waren, um künstlerisch reinen Tisch zu machen. Eines Tages lernte ich im Park einen Filmemacher namens Nehemias kennen, geboren in El Salvador, aufgewachsen in Los Angeles. Neugierig fragte ich ihn nach seinem Grund für den Umzug nach Berlin. Er erzählte mir von der unerklärlichen Energie, die er ein Jahr zuvor bei einem Berlin-Urlaub gespürt hatte. Immer noch stark beeindruckt von der Stadt, fragte ich ihn, ob das Leben als Kreativer in Berlin irgendwelche Nachteile habe. „In L.A.“, sagte er, „schaffen es die Leute, etwas auf die Beine zu stellen, weil man obdachlos wird, wenn man sich nicht ins Zeug legt. Hier dagegen kann man jahrelang bettelarm sein und trotzdem bequem leben.“

Inzwischen begreife ich, dass mir dieser Satz eine Warnung hätte sein sollen.

Unterdessen schien jeder, der uns begegnete, aus demselben Grund wie wir nach Berlin gekommen zu sein: um Kunst zu machen. Bloß hörte ich selten von anstehenden Ausstellungen oder Buchpremieren oder Konzerten. „In Berlin“, reflektierte Pat neulich, „habe ich viel Zeit damit verbracht, über Kunst zu sprechen – beim Bier, beim Kaffee, beim Spiegelschnorcheln um vier Uhr morgens. Aber irgendwie habe ich wenig Kunst entstehen sehen.“ Es fiel mir schwer, ihm nicht zuzustimmen.

Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit beschrieb die Stadt 2003 als „arm, aber sexy“. Zehn Jahre später hat sich daran wenig geändert. In Neukölln, dem zunehmend gentrifizierten Stadtteil, in dem wir lebten, war die weit verbreitete Arbeitslosigkeit deutlich sichtbar. Die „Sexiness“ schien so etwas wie ein Symptom dieser Armut zu sein: Das niedrige Kostenniveau macht die Stadt attraktiv für Kreative aus aller Welt.

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