Berlin : Kreuzberg: Der Schöpfer von Bethanien

Karen Schröder

Wenn Ende September die Besucher zum ersten Mal durch Schloss Paretz spazieren, werden ihre Blicke sicherlich von den historischen Tapeten angezogen werden. Sie stammen aus Berlin, genauer aus dem Kunsthaus Bethanien, wo sie vom Papiermacher Gangolf Ulbricht hergestellt wurden. Der 37-Jährige schuf die Grundlagen für die Rekonstruktion des Arbeitszimmers Königs Friedrich Wilhelm III. Er stellte nach dem historischen Vorbild das Papier her, das für die Tapeten und Bordüren gebraucht wird. 100 Bögen hat die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg in Auftrag gegeben.

Ulbrichts gesamtes bisheriges berufliches Leben war dem weißen Stoff gewidmet. Nach einer Papiermacherlehre absolvierte er in Dresden ein fünfjähriges Studium der Papier- und Zellstofftechnik. "Doch schon während der Ausbildung habe ich mit der Hand geschöpft und mir das dazugehörige Wissen autodidaktisch angeeignet. Industrielle Produktion war nicht so mein Interesse", erinnert sich Gangolf Ulbricht. Nach der Wende hat der gebürtige Sachse im Kreuzberger Künstlerhaus eine einjährige Assistenz im Atelier von John Gerard absoviert, bis er nach dessen Weggang 1992 angeboten bekommen hat, eine eigene Werkstatt zu eröffnen. Mittlerweile sei er in Deutschland der einzige, der auf Kundenwunsch hochwertige Papiere mit der Hand herstellt, auch in Europa gebe es nur noch etwa 15 Kollegen. Zu den Auftraggebern gehören neben Restauratoren und Künstlern auch Buchdrucker und -binder.

Ulbrichts Werkstatt im Künstlerhaus am Mariannenplatz ist ein großer, heller Raum. An den Wänden stehen deckenhohe Regale, eine Papierpresse und in der Mitte ein großer Plastikbottich, die Schöpfbütte. Darin schwimmen in einer Wassersuppe die Rohstoffe, die für die Papierherstellung gebraucht werden: Baumwolle, Flachs, Hanf, Lumpen. Zuvor ist die Masse in einer Maschine namens Holländer aufbereitet worden. "Dabei kommt es auf die richtige Faserzusammensetzung und -länge an, auch der Farbton und das Gewicht sind natürlich entscheidend", erläutert Gangolf Ulbricht. Dann wird das Ausgangsmaterial in der Bütte noch einmal verdünnt und gut durchmischt, bis der eigentliche Schöpfvorgang beginnen kann. Der Papiermacher nimmt dazu einen mit Metallgewebe überzogenen siebähnlichen Rahmen. Was dann passiert, sieht ganz leicht aus, ist aber die eigentliche Kunst. Ulbricht tacht die 100 mal 70 Zentimeter große Schöpfform in den Bottich, hebt sie heraus und rüttelt sie. Während das Wasser aus dem Sieb tropft, bleiben die Zellulosefasern auf dem Metallgeflecht liegen. "Deshalb kann man die Siebstruktur bei diesen Papieren erkennen, was ja unter anderem ihren Wert ausmacht", fügt der Papiermacher hinzu. Die soeben hergestellten nassen Papierbögen werden dann zwischen Wollfilzen "abgegautscht". Das heißt, sie werden in der Presse entwässert. Als die Trocknung.

Wenn Ulbricht über sein Handwerk spricht, dann klingt eine Menge Stolz und Liebe zu dem Metier durch. Papier habe nun einmal nicht nur messbare Eigenschaften, so wie ein guter Wein auch nicht einzig und allein im Labor festgestellt werden könne. Um solche Qualitäten wie "Griff", "Klang" und "Härte" eines Papiers beurteilen zu können, seien die unmittelbaren menschlichen Sinne gefragt. "Kopf, Herz und Hand gehören bei diesem klassischen Handwerk ganz eng zusammen, und das ist ja das Schöne daran." Letztlich habe jedes Papier etwas Individuelles, so wie jeder Schöpfer dieses Materials sein eigenes Wasserzeichen hat. Das Signet vom Papiermacher Ulbricht wird in ferner Zukunft auch in Schloss Paretz Rückschlüsse darauf zulassen, von wem die Tapeten aus dem Arbeitszimmer des Königs hergestellt worden sind.

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