Kreuzberg : Neustart in der Lichtfabrik - vor fünf Jahren

Vor fünf Jahren zog das Künstlerhaus Bethanien um – samt seinem Namen. Was Anna Pataczek damals schrieb.

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Voller Optimismus. Zur Eröffnung der neuen Räume des Künstlerhauses Bethanien in der Kreuzberger „Lichtfabrik“ war auch Nicolas Berggruen (unteres Foto) gekommen, der den Komplex an der Kottbusser Straße vor zwei Jahren gekauft hatte. Fotos: Björn Kietzmann, ddp
Voller Optimismus. Zur Eröffnung der neuen Räume des Künstlerhauses Bethanien in der Kreuzberger „Lichtfabrik“ war auch Nicolas...Foto: ddp

Nomaden ziehen weiter, wenn das Gras nicht mehr saftig ist. Es passt also ganz gut, dass Christoph Tannert sein Künstlerhaus Bethanien und die daran Mitwirkenden am Freitagabend, bei der Eröffnung des neuen Standorts, als Nomaden bezeichnet hat. Dreieinhalb Jahrzehnte lang war das alte Diakonissen-Krankenhaus am Kreuzberger Mariannenplatz die Heimat der Einrichtung, mehr als 850 Künstler arbeiteten hier während eines Stipendiums. Anhaltende Querelen mit den ehemaligen Besetzern haben Tannert und sein Künstlerprogramm aber vertrieben. Künftig heißt die Adresse Kottbusser Straße 10. Und weil Nomaden ihr Hab und Gut immer mit sich herumtragen, hat Tannert den Namen gleich mitgenommen: Auch am neuen Standort bleibt es beim „ Künstlerhaus Bethanien“.

Von der Straße aus blickt man durch die breite Fensterfront direkt auf die Kunst in den neuen hellen Ausstellungsräumen, hinein geht es über ein Holzportal mit gerundeten Scheiben. Drumherum rauscht das Leben an der Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln. „Die Stadt lebt davon, dass sich Quartiere verbessern“, sagte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit bei der Eröffnung, wollte wohl allen Gentrifizierungskritikern gleich den Wind aus den Segeln nehmen.

Vor zwei Jahren hatte Investor Nicolas Berggruen den über 10 000 Quadratmeter großen Komplex gekauft. Er nennt ihn „Lichtfabrik“. Weitere Mieter aus der Kreativ- und Künstlerbranche sollen einziehen, viele Klingelschilder am Eingang zur Kohlfurther Straße sind noch leer. Das Künstlerhaus belegt mit seinen Ausstellungsflächen, Ateliers, Bibliothek und Büros etwa 4000 Quadratmeter. 25 Ateliers stehen den Stipendiaten zur Verfügung.

Der Kanadier Patrick Bernatchez beispielsweise hat sich während seines Aufenthalts mit der Zeit auseinandergesetzt, in der Eröffnungsausstellung zeigt er unter anderem eine Uhr mit nur einem Zeiger, der für eine Umdrehung tausend Jahre braucht – sich also fürs Auge nicht bewegt. Die dänische Künstlerin Tine Oksbjerg hat in Berliner Friseursalons Menschen während des Haareschneidens über ihre Leben erzählen lassen und spielt das als Video über drei Projektionsflächen ab. Im Hauptraum teilen sich Fotografen in der Gruppenausstellung „All my lovin’“ die Themen Familie, Beziehungen, Liebe. Aber nicht nur um diese Kunst ging es in den Gesprächen des Abends, sondern ebenso um das Gebäude und die Frage, ob Kreuzberg das neue Kunstviertel wird. Oder um Nicolas Berggruen, der gerade Schlagzeilen gemacht hat wegen der Karstadt-Übernahme. Im Künstlerhaus trat er äußerst bescheiden auf und sprach so leise, dass die hinteren Reihen ihn kaum verstehen konnten: „Schön, dass die Kunst und die Künstler hier sind.“

Für alle Beteiligten war es offenbar ein glücklicher Abend. Künstlerhausleiter Tannert gestand eine gewisse Wehmut, sagte aber: „Wenn Sie dieses Gebäude sehen, hüpft einem doch das Herz im Leibe.“ Und auch Stéphane Bauer im Haus am Mariannenplatz war zufrieden. Er leitet den Kunstraum Kreuzberg im Bethanien. Seit dem Auszug des Künstlerhauses habe es eine deutliche Verbesserung gegeben, sagt er. In die Räume, die Tannert und sein Team hinterlassen haben, ziehen bald wieder Ateliers ein, es soll internationalen Kunstaustausch geben und ein Infozentrum für Darstellende Künste. „Wir wollen verstärkt Theater und Tanz ins Haus holen“, sagt Bauer. Vor zwei Wochen hat außerdem im ehemaligen Casino das Restaurant „3 Schwestern“ eröffnet, von Wolfgang Sinhart, Mitbegründer vom White Trash Fast Food, und Michael Böhl, ehemals Produktionsleiter im Admiralspalast. Sie könnten neues Publikum anlocken. Es ist ein entspannt-eleganter Ort geworden, in dem hohen weißgetünchten Gewölbe mit einer großen Bar als Mittelpunkt sollen ebenfalls Veranstaltungen stattfinden. „Das Bethanien bleibt ein Haus der Künste“, steht auf Plakaten im langen Flur. Nur eines soll sich ändern: Künftig wird es „Kunstquartier Bethanien“ heißen. Anna Pataczek

Der Beitrag erscheint in unserer Rubrik "Vor fünf Jahren".

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