Berlin : Kreuzberger Hollywood–Nacht

Nüchternes Ambiente, rührende Story: Die Verleihung der Goldenen Kamera

Elisabeth Binder

Geraldine Chaplin wirkt mädchenhaft zart, wie sie in ihrem hellgrünen, wadenlangen Kleid auf der Bühne steht und von dem letzten Bild erzählt, das sich ihr vom Vater eingeprägt hat. Sie hatte ihn nicht lange vor seinem Tod in der Schweiz besucht. Es gab gerade eine Wiederholungsserie von alten Jerry-Lewis-Filmen, und Charlie Chaplin, zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich hinfällig, klebte vor dem Fernseher und schüttelte sich vor Lachen. „Danke für diese Erinnerung“, sagte sie dem großen amerikanischen Komiker und überreichte ihm am Mittwochabend in Kreuzberg eine Goldene Kamera. Im Publikum tupften sich deutsche Filmgrößen wie Iris Berben die Tränen der Rührung aus dem Gesicht. Eine begnadete Schauspielerin kann Raum und Zeit vergessen lassen, und das war an diesem Abend auch nötig.

Denn der Oscar der Fernsehzeitschrift „Hörzu“ wurde nicht wie in den letzten Jahren in der malerischen Kulisse des Konzerthauses am Gendarmenmarkt verliehen, sondern im äußerst prosaischen Ambiente der Ullstein-Halle in der neuen Passage am Springer-Hochhaus. Mit ihrem künstlich glänzenden grauen Bodenbelag und den grellroten harten Klappsesselchen unter gleißenden orangefarbenen Spots könnte die weit vom alteuropäischen Charme des Konzerthauses entfernte Halle auf die amerikanischen Stars den nüchternen Eindruck eines verhinderten Fernsehstudios gemacht haben. Für die eigentliche Verleihung und die After-Show-Party gab es zudem zwei verschiedene rote Teppiche in unterschiedlichen Gebäudeteilen. Wer aus Versehen früh am falschen landete, mochte sich zwischen Kartons voller noch unausgepackter Wärmelampen wiederfinden. Die zahlreich erschienenen Hollywood-Stars wurden zügig in den ehrwürdigen Club geleitet, den der Verleger Axel Springer im obersten Stockwerk des Hochhauses einrichten ließ, das er einst direkt an die Mauer platzierte. Goldie Hawn und Kurt Russel waren unter anderem gekommen, Bruce Willis und Tina Turner, Joan Collins und Jürgen Prochnow. Und Dustin Hoffman, der vor zwei Jahren für sein Lebenswerk und diesmal für einen Audi-Werbespot ausgezeichnet wurde. Seinen ersten Spot habe er vor der Reifeprüfung gedreht, verriet er: „Weil ich das Geld brauchte“. Diesen habe er nun gemacht, „weil ich mich ans Geld gewöhnt habe“.

Zum 40. Geburtstag des Preises waren auch zahlreiche deutsche Fernsehlegenden wie Rudi Carrell und Frank Elstner gekommen. Bei der anschließenden Party gab es in der mit Teppichen und Stoffinstallationen aufgewärmten Passage Musik und ein Büfett von Sterne-Koch Karl-Heinz Hauser.

Da steht ja auch Geraldine Chaplin an der kühlen, hohen Glastür. Hat sie die herzerwärmende Geschichte, die viele als Höhepunkt des Abends empfanden, schon jemals zuvor erzählt? „Nur in der Familie“, lächelt sie.

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