Kriminalitätsatlas : Niedrigste Zahl der Straftaten seit der Wende

Weniger Delikte auch im öffentlichen Nahverkehr und bei der Jugendgewalt: Die Zahl der Straftaten in Berlin ist 2007 erneut gesunken. Die Kriminalitätsbelastung wird erstmalig nach Stadtteilen aufgeschlüsselt.

Jörn Hasselmann

BerlinInnensenator Ehrhart Körting (SPD) und Polizeipräsident Dieter Glietsch konnten gestern bei der Vorstellung der neuen Kriminalstatistik (PKS) für das Jahr 2007 zwei gute Nachrichten verkünden. Die Zahl der bei der Polizei erfassten Straftaten ist im vergangenen Jahr erneut gesunken, und zwar auf 496 163. Dies ist der niedrigste Stand seit der Wende. Zudem ist die Aufklärungsquote auf 50, 4 Prozent gestiegen. Dies ist der zweitbeste Wert seit der Wiedervereinigung. „Die Polizei hat auch 2007 einen guten Job gemacht“, sagte Körting. Gerade im Vergleich mit anderen Metropolen der Welt liefere die Polizei eine „exzellente Ermittlungsarbeit“, lobte der Senator.

Erstmals wurde eine Art Kriminalitätsatlas vorgelegt, laut Innensenator soll dieser die „Kriminalitätsbelastung in öffentlichen Räumen“ aufzeigen. Dazu wurden die Straftaten für 446 Kieze grafisch dargestellt. In jedem dieser „Räume“ wohnen etwa 7500 Menschen, übernommen wurde diese Aufteilung von Stadtplanern. Und für diese – und die Politik – ist der Atlas gedacht. Es sollte kein „Angstatlas“ entstehen, sagte Glietsch. Deshalb berücksichtigt der Atlas keine Delikte wie Mord, Totschlag oder auch Sexualstraftaten.

In ganz Berlin wurden im vergangenen Jahr 70 Menschen getötet, acht mehr als 2006. Dafür sank die Zahl der Mordversuche deutlich. „Beunruhigend“ ist nach Einschätzung des Innensenators vor allem der Anstieg bei den Rohheitsdelikten (Raub und Körperverletzung) um 2,7 Prozent. Diese Zahl spiegele eine Brutalisierung der Stadt, hieß es bei Experten.

Ganz anders sind dagegen die Anstiege bei Kindesmisshandlung (plus 14, 6 Prozent) und Verletzung der Fürsorgepflicht (plus 29 Prozent) zu werten. „Es werden nicht mehr Kinder misshandelt“, sagte Polizeipräsident Glietsch – sondern „es wird nicht mehr weggesehen“. Wesentlich mehr Taten als sonst werden von Nachbarn angezeigt, zu verdanken sei das „intensivere Hinschauen“ der öffentlichen Diskussion, lobte die Polizei. Das gleiche gilt beim Anstieg bei der „häuslichen Gewalt“ um 5,2 Prozent. „Wir sind weiter in der Sensibilisierung als andere Städte“, sagte Innensenator Körting. Dort werde Gewalt in der Familie häufig nur als Körperverletzung erfasst. Die Kriminalstatistik weist für 2007 genau 13 222 mal häusliche Gewalt aus, darunter fünf Tötungsverbrechen und neun -Versuche.

Bei Delikten jedoch, die in den vergangenen Monaten intensiv in der Öffentlichkeit wegen eines angeblichen Gewaltanstiegs diskutiert wurden, gab es tatsächlich Rückgänge. So sank die Zahl der Straftaten im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) um sieben Prozent auf knapp 34 000. Etwa die Hälfte der Taten ereignete sich bei der Deutschen Bahn und S-Bahn, die andere Hälfte bei der BVG. Bei Raubtaten in Bussen und Bahnen wurde sogar ein Rückgang von 13 Prozent registriert. Die Zahl der Körperverletzungen in Bussen und Bahnen stieg dagegen um ein Prozent.

Bei der Jugendgruppengewalt (wenn zwei oder mehr Jugendliche Taten gemeinsam begehen) sank die Zahl der Körperverletzungen sogar um 18 Prozent. Die Zahl der Raubtaten durch Jugendgruppen stieg minimal um 0,4 Prozent. Dass insgesamt die Jugendgruppengewalt um ein Prozent stieg, liege an der deutlichen Zunahme von Sachbeschädigungen, meist Graffiti-Schmierereien. Im Jahr 2006 war die Jugendgewalt noch deutlich um 8,4 Prozent gestiegen. 44 Prozent (Vorjahr: 45 Prozent) der ermittelten Täter hatten einen Migrationshintergrund. Da 40 Prozent aller unter 18-Jährigen diesen Migrationshintergrund haben, relativiere sich der Wert, heißt es in der PKS. Die Zahl der bekannten Serien- und Intensivtäter erhöhte sich von 742 auf 984.

Wie in den Vorjahren kam Kritik von der Opposition. „Die Kriminalität stagniert auf hohem Niveau“, sagte Frank Henkel von der CDU. Der grüne Fraktionsvorsitzende Volker Ratzmann bezeichnete den neuen Atlas als „überflüssige Stigmatisierung der Kieze“ – mit dieser Meinung stehen die Grünen alleine da. Die drei Polizeigewerkschaften betonten in einer gemeinsamen Mitteilung, dass die „PKS nicht die wirkliche Kriminalität abbildet“. Das sieht auch Körting so: „Die PKS kann nur abbilden, was auch angezeigt wird.“

Alle Dokumente gibt es im Internet:

www.berlin.de/sen/inneres/aktuell/pks_2007.html

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