Kriminalitätsstatistik : Einsatz zeigt Wirkung

Die Kriminalstatistik ist erklärungsbedürftig: Mehr Drogenhandel, mehr Sexualdelikte, mehr häusliche Gewalt – doch die Stadt ist nicht unsicherer geworden.

Jörn Hasselmann

Zahlen lügen nicht, sie verführen – sagen Statistiker. Verführen zu mutwilliger Interpretation, und besonders gilt dies für die vielen Zahlen, die in der „Polizeilichen Kriminalstatistik“ versammelt sind, die der Innensenator am Freitag vorgestellt hat. Kaum sind sie veröffentlicht, bringen die Zahlen Opposition und Gewerkschaften, Fachleute wie Laien zu teilweise gewagten Auslegungen.

Innensenator Ehrhart Körting (SPD) und Polizeipräsident Dieter Glietsch sagen, dass „Berlin eine sichere Großstadt bleibt“. Denn die Gesamtzahl der – erfassten – Straftaten ist minimal gesunken auf 496 000. Gewerkschaften und Opposition sagen, die Zahl sei wertlos, weil sie „nicht die wirkliche Kriminalität abbildet“. Tatsächlich gebe es viel mehr Taten, die aber nicht erfasst würden. Da es immer weniger Polizisten gebe, werde weniger kontrolliert, und es würden weniger Anzeigen geschrieben.

Doch der Vorwurf stimmt nur bedingt. So hat die Polizei mit der im Sommer gegründeten Sonderkommission „Sinod“, die Drogenhandel in der U-Bahn bekämpfen soll, die Zahl der registrierten Straftaten um über 500 nach oben getrieben. Langfristig hofft die Polizei natürlich, dass die Soko die Fallzahlen senkt. Einer anderen ist dies bereits gelungen: Die Soko „Tasche“, 2005 gegründet, hat die Zahl der Taschendiebstähle drastisch um 14,4 Prozent gesenkt. 2007 gab es 13 600 Taten, 2300 weniger als im Vorjahr. Wegen des Erfolgs wurde die Soko nun in ein dauerhaftes Kommissariat umgewandelt.

Bei vielen Delikten werden die Zahlen auch durch Großkomplexe verfälscht. So stiegen Sexualdelikte in der Statistik um 480 Fälle auf 3270. Doch tatsächlich ist die Stadt für Frauen sicherer geworden, denn die „Tatorte“ lagen ausschließlich im Internet. In Berlin wurde 2007 beim bundesweiten Ermittlungsverfahren „Himmel“ gegen hunderte Berliner ermittelt, was die Fallzahlen bei „Kinderpornografie im Internet“ um 497 Fälle ansteigen ließ. So erklärt ein Einzeldelikt den dramatisch klingenden Anstieg bei Sexualtaten.

„Mord und Totschlag“ ist statistisch um 17 Prozent zurückgegangen – doch faktisch starben 2007 acht Menschen mehr durch fremde Hand als 2006, nämlich 70. Denn die Statistik zählt auch Versuche mit – und 2006 wurde der Amoklauf eines Schülers am Hauptbahnhof 37-fach gezählt. So kann ein einzelner Täter in wenigen Minuten die Berliner Mordstatistik durcheinanderbringen.

Die Anstiege bei häuslicher Gewalt und Kindesvernachlässigung sind wiederum mit einer steigenden Anzeigebereitschaft zu erklären. Während Nachbarn früher weghörten, wenn Kinder oder Frauen schrien, holen sie heute die Polizei. „Es werden nicht mehr Kinder misshandelt“, betonte Polizeipräsident Glietsch.

Und manch Rückgang passt einfach nicht in die öffentliche Wahrnehmung. So meldet die Statistik für 2007 sieben Prozent weniger Straftaten in Bussen und Bahnen – in Erinnerung sind jedoch die jüngsten Gewaltvorfälle in der U-Bahn.

Erstmals hat die Polizei für bestimmte Delikte eine Art Kriminalitätsatlas vorgelegt. Jeder kann jetzt für seinen Bezirk und seinen Kiez nachschlagen, wie viel Raubtaten, Körperverletzungen, Wohnungseinbrüche und andere Delikte es dort gab.

So ist das Risiko eines Wohnungseinbruchs in Grunewald mit Abstand am höchsten – dort, wo für Diebe am meisten zu holen ist. In Kreuzberg wird fast ebenso viel eingebrochen – weil dort viele Täter wohnen. Geraubt und geschlagen wird am meisten dort, wo viele Menschen auf der Straße sind, in der City-Ost und -West also. Wieso im Pankower Ortsteil Blankenburg das Risiko des Fahrraddiebstahl zehnmal höher ist als in Gatow, können auch Fachleute nicht richtig erklären.

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