Berlin : Kriseneinsatz auf dem Pausenhof

Wegen der Gewaltprobleme setzen die Behörden auf die Hilfe der Polizei – und auf die Fusion mit der benachbarten Realschule

Susanne Vieth-Entus

Die in Not geratene Neuköllner Rütli- Hauptschule erhält Hilfe. Ab sofort sollen Eingangskontrollen durch die Polizei mehr Sicherheit geben. Zudem kommt ab Montag vorübergehend ein Schulleiter, bis die Rektorenstelle besetzt ist. Das soll ein erfahrener Rektor einer anderen Hauptschule sein, kündigte Schulsenator Klaus Böger (SPD) gestern an, nachdem der Tagesspiegel über die erschreckenden Zustände an der Schule berichtet hatte. Nach den Sommerferien soll zudem die Schule mit der benachbarten Heinrich-Heine-Realschule fusionieren.

„Ich habe mit dem Polizeipräsidenten und dem Innensenator gesprochen“, berichtete Böger. Solange wie nötig solle es die Polizeipräsenz an der Schule geben. Auf keinen Fall werde die Schule aufgegeben oder geschlossen: „Wir werden an keinem Standort zurückweichen.“ Stattdessen werde das Kollegium von einer arabisch und einem türkisch sprechenden Sozialpädagogen sowie ab 1. Mai von einem Sozialarbeiter unterstützt.

Wie berichtet, gibt es an der Schule ein massives Gewaltproblem. Es führt dazu, dass sich einige Lehrer in bestimmte Klassen nur noch mit Handy wagen, um notfalls Hilfe holen zu können. Geregelter Unterricht ist kaum noch möglich. Böger bestritt aber, dass die Schule um Auflösung gebeten habe. In ihrem Brief hatte die Schule jedoch geschrieben: „Perspektivisch muss die Hauptschule in dieser Zusammensetzung aufgelöst werden zugunsten einer neuen Schulform mit gänzlich neuer Zusammensetzung.“

Diese neue Zusammensetzung soll es jetzt geben, wenn die Schule mit der unter dem selben Dach befindlichen Heinrich-Heine-Realschule fusioniert wird. Allerdings gibt es bisher kaum Kontakt zwischen beiden Schulen. Sie haben sogar unterschiedliche Pausenzeiten, um sich nicht ins Gehege zu kommen. Davon lässt sich Böger aber nicht abschrecken: „Ob zwei Schulen sich mögen, ist zweitrangig“, sagte der Politiker gestern weiter. Bisher wurde bei Fusionen allerdings immer auf die Freiwilligkeit gesetzt. Es ist zu erwarten, dass Lehrer und Eltern der Heine-Schule die neue Linie ablehnen werden. Denn auch die Heine- Schule hat Probleme. So lernen hier weniger als 20 Prozent deutsche Schüler.

Die seit Anfang des Schuljahres wegen Krankheit ausgeschiedene Leiterin der Rütli-Schule Brigitte Pick meldete sich gestern ebenfalls zu Wort. Sie habe ihre „ganze Kraft investiert, um solche Verhältnisse zu verhindern“, schrieb sie an den Tagesspiegel. Anders als die jetzige kommissarische Schulleiterin Petra Eggebrecht sehe sie das eigentliche Problem aber weniger in der nationalen als in der sozialen Herkunft der Schülerschaft und ihrer mangelnden Perspektive. So habe im letzten Schuljahr kein Schüler mehr einen Ausbildungsplatz erhalten. Zudem versage die Lehrerbildung, die die künftigen Pädagogen nicht auf die soziale Wirklichkeit vorbereite. Der Politik wirft Pick vor, sie habe der „Ghettoisierung der Schulen jahrzehntelang tatenlos zugesehen“. Die CDU sieht im Hilferuf der Rütli-Schule „nur die Spitze des Eisberges“. Gewalt, Ausgrenzung und Terror gegen Lehrer und Mitschüler gehörten seit Jahren zum Alltag an vielen Berliner Schulen. Fraktionschef Nicolas Zimmer forderte eine Task Force Schule, die auf Problemlagen reagieren könne.

Die PDS sieht in der Situation der RütliSchule ein weiteres Indiz dafür, dass das dreigliedrige Schulsystem mit seiner „Stigmatisierung“ der Hauptschüler abgeschafft werden müsse. Die Bündnisgrünen forderten „dringend mehr Personal – auch Erzieher, Schulpsychologen, Sozialarbeiter, Handwerker und andere Professionen“. Es müsse gezielt für den Umgang mit pubertierenden und problematischen Jugendlichen fort- und weitergebildet werden. Bildungssenator Böger und Neuköllns Schulstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD) hätten versagt, da sie erst jetzt die zwei Sozialarbeiter mit Arabisch- und Türkisch-Kenntnissen in die Schule geschickt hätten.

Mieke Senftleben von der FDP forderte finanzielle Anreize, um Stellen in sozialen Brennpunkten besetzen zu können. Über Neuaufnahmen von Schülern müsse die Schulleitung entscheiden können. Auffällige Schüler und deren Eltern müssten zu Kursen in Zusammenarbeit mit Polizei, Pädagogen und Jugendrechtshäusern verpflichtet werden.

Der Berliner Landesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Lutz Hansen, lobte gestern, dass die Rütli-Schule diesen „beherzten Schritt“ getan und ihre Situation in dem Schreiben dargelegt habe. Man müsse wohl die angedeutete tägliche Hölle aus Gewalt, Verrohung, Respektlosigkeit und Erniedrigung an dieser Schule erlebt haben, um das Versenden eines solchen „Brandbriefs“ nachvollziehen zu können.

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