Berlin : Krönung vor dem Abpfiff

Auch der Protokollchef des Auswärtigen Amtes spielt bei der WM mit Für Burkhard von der Planitz ist es der letzte Einsatz in heikler Mission

Elisabeth Binder

Diese Schlussrunde ist die Krönung seiner Karriere. Bernhard von der Planitz, Protokollchef im Auswärtigen Amt, begrüßt und verabschiedet Staatsoberhäupter, die Gäste beim Bundespräsidenten, Bundeskanzler oder Außenminister sind. Klar, dass dieser Tage für die Präsidenten der Länder, die an der WM teilnehmen, ein Besuch besonders interessant ist. Richtung Endspiel werden spontane Begehrlichkeiten wahrscheinlich zunehmen. Da sind Nerven und Erfahrung gefragt. Auch deshalb wurde der 65-jährige von der Planitz gebeten, erst nach dem Ende der Weltmeisterschaft abzutreten.

Erfahrung macht klug. Erfahrung macht ruhig. Bernhard von der Planitz, der den Titel eines Botschafters trägt, ist ein Mann von großer Statur mit einem ausgeprägt heiter-freundlichen Temperament. Es ist angenehm, mit ihm zu reden, weil er seinem Gegenüber das Gefühl gibt, nichts falsch machen zu können. Vielleicht war er in seiner Diplomatenlaufbahn auch deshalb zweimal Protokollchef im Auswärtigen Amt, vor seiner Zeit als Generalkonsul in New York und direkt im Anschluss noch einmal. Seine Aura scheint ideal, die atmosphärischen Bedingungen für eine gute Politik zu schaffen. Dazu gehören auch erste und letzte Gespräche mit Staatsgästen, die er zum Flughafen begleitet. Aber auch die Planung offizieller Reisen gehört dazu.

Für Nelson Mandela hat er mal ein Staatsbankett ausgerichtet. Als Überraschung war nach dem Essen ein Auftritt seiner Kampfgefährtin Miriam Makeba vorgesehen. Der Kaffee wurde auf der Terrasse gereicht, Makeba sang, und Mandela fing spontan zu tanzen. Plötzlich setzte Regen ein. Mandela tanzte weiter. Auch seine Delegation konnte ihn nicht aufhalten. Das ausgeklügelte Programm sah solche Einlagen natürlich nicht vor. Später im Wagen, als er ihn zum nächsten Termin begleitete, fragte von der Planitz das südafrikanische Staatsoberhaupt besorgt, ob er denn nicht die Folgen der Nässe gefürchtet habe. „Gar nicht! Sie wissen doch was Regen bei uns in Afrika bedeutet“, antwortete Mandela. „Wenn es bei einer Hochzeit regnet, dann ist das ein Zeichen dafür, dass die Ehe glücklich wird.“ Solche Konversationen, bei denen sich ein erster protokollarischer Schreck unverhofft in einen Glücksfall verwandelt, sind Höhepunkte im Leben eines Protokollchefs. Und die braucht er, um motiviert zu bleiben und andere motivieren zu können.

Denn auch Politiker reisen viel mehr als früher, und die Reisezeiträume werden immer kürzer. Die Zahl der Protokoll-Mitarbeiter erhöht sich nicht mit gleicher Geschwindigkeit, wie die Arbeit mehr wird. Deshalb ist die WM noch mal eine echte Herausforderung. Drei anspruchsvolle und mächtige Auftraggeber zu haben, von denen einer, der Außenminister, sogar der direkte Chef ist, kann ja doch auch in ganz normalen Zeiten schon mal zu Konflikten führen, oder? Einmal, das liegt schon Jahre zurück, da wollten alle drei verreisen in unterschiedliche Richtungen. Es gibt aber nur zwei geeignete Airbusse. Der Präsident fand, er habe Anspruch, wegen des hohen Amtes, der Kanzler wegen der wichtigen Politik und der Außenminister, weil er sich zuerst angemeldet habe. Da sagt dann auch ein Protokollchef schon mal: „Bitte untereinander einigen.“ Als ein Staatsgast mal eine Viertelstunde früher als geplant landen wollte, musste er indes wegen des Sicherheitskonzepts klar ablehnen.

Souveränität ist wichtigstes Handwerkszeug, denn mit Regeln allein kann man keine kreative Atmosphäre schaffen für gute Politik. Wer von der Planitz nach Benimm-Regeln fragt, der wird regelmäßig an den Tanzlehrer-Verband verwiesen. Er ist glücklich, dass er nie einen Eklat erlebt hat, dass nie ein Staatsgast wütend abgereist ist. Einmal war es nahe dran, als ein hochrangiger Politiker von Demonstranten immer wieder ausgepfiffen wurde: Von der Planitz verwies auf die hiesige Demonstrationsfreiheit. Natürlich würde er als guter Diplomat nie preisgeben, um wen es sich handelte.

Nicht alle Pannen werden sichtbar. Bei einem Abschiedsdinner für einen wichtigen Botschafter hatte man bereits zu Tisch gebeten, allein das Essen kam nicht. Ein Besuch in der Küche brachte Klarheit: Dort hatte man den Beginn eine Stunde später angesetzt. Sofort übernahm der Protokollchef die Regie, ordnete an, dass Brot und Wein unverzüglich hinausgebracht werden sollten und fing selber an, die Suppentassen zu füllen. Währenddessen arbeiteten die Köche fieberhaft am Hauptgang. Anschließend ging von der Planitz in seiner typisch entspannten Art zu seinem Platz und hörte sich erfreut an, wie die Suppe gelobt wurde.

Ein anderes Mal war ein Sultan von einer Militärschau in Hannover so hellauf begeistert, dass er nicht wieder weg wollte, obwohl der Zeitplan wie immer eng war. Schon hatte er die Organisatoren des abendlichen Dinners in Berlin informiert, dass es eine „erhebliche Verzögerung“ geben werde, da winkte der Sultan lässig ab: „Wir geben einfach etwas mehr Gas.“ Er hatte seinen eigenen Airbus dabei und flog ihn auch selber.

„Es hat keinen Zweck, nervös zu werden“, sagt von der Planitz. „Viel besser ist es, auf die wirklich hervorragenden Mitarbeiter zu vertrauen.“

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