Kulinarisches Kino : Kinder genießen die Berlinale

Das Kulinarische Kino ist ein Berlinale-Hit. Zum Finale durften Grundschüler der Judith-Kerr-Europaschule im Spiegelzelt speisen. Mit erstaunlichem Ernst sprachen sie über manipuliertes Essen.

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Kleine Gourmets genossen das Essen beim Kulinarischen Kino
Kleine Gourmets genossen das Essen beim Kulinarischen KinoFoto: Sven Darmer/Davids

Siebzig Kinder sitzen im Spiegelzelt neben dem Martin-Gropius-Bau und mindestens zwanzig Arme fliegen bei jeder Frage in die Luft. Das Finale des diesjährigen Kulinarischen Kinos gehörte den Kindern, diesmal Schülern der Judith-Kerr-Schule in Schmargendorf, einer französischsprachigen Europaschule. Gerade haben die Achtjährigen den französischen Zeichentrick-Film „Tante Hilda“ mit englischen Untertiteln gesehen, wie gebannt und mucksmäuschenstill, schon diskutieren sie mit erstaunlichem Ernst darüber. Dabei geht es um genverändertes Gemüse, eigentlich eher ein sehr erwachsenes Thema.

Die freundliche Tante Hilda wohnt in einem Gewächshaus auf einem hohen Felsen und beschwert sich beim Präsidenten immer wieder über die grausame Behandlung der Natur. Derweil basteln der russische Professor Michael und sein Assistent Attilo an einer Superpflanze, die alle Ernährungsprobleme der Welt lösen und der Firma Dolo große Geldsummen einbringen soll. Während der Professor durch den Einfluss von Tante Hilda Gewissensbisse bekommt, gibt der Assistent der Geldgier nach, und das Unheil nimmt seinen Lauf. Die manipulierte Pflanze wuchert unkontrolliert über die ganze Welt und vernichtet alles Natürliche. Tante Hilda und ihr Freund, der Professor landen zwischenzeitlich sogar im Gefängnis.

Der Mann mit dem Maishut ist übrigens Thomas Struck, Leiter des Kulinarischen Kinos, der nach dem Film Fragen zum Thema nachhaltige Ernährung beantwortete.
Der Mann mit dem Maishut ist übrigens Thomas Struck, Leiter des Kulinarischen Kinos, der nach dem Film Fragen zum Thema...Foto: DAVIDS

Die Kinder haben schon eigene Erfahrungen mit Pflanzen gesammelt, ganz in der Nähe ihrer Schule lernen sie in einem speziellen pädagogischen Garten, erzählt die Französischlehrerin Birgit Juricic. Einige von ihnen kochen auch gern. Nikolaus, Nadja, Samuel und Mialy zum Beispiel haben den Film schon früher gesehen und nun den Vormittag damit verbracht, für ihre Schulkameraden Tofuwürstchen zu schneiden, Karotten zu schälen und Zitronenschale abzureiben. Unter dem Motto „Zurück zur Natur“ gibt es als Hauptgang Ebly, das ist pastaähnlicher Sonnenweizen, mit Sprossen, Lauch, Möhren und kandiertem Tofu in Zitronensauce. Aber auf der Bühne kündigen die jungen Sous Chefs lieber erstmal das Dessert an: Schokomousse mit kandierter Ananas und Mandeln in Honig.

Seit dem vergangenen Sonntag haben hier im Gourmet- Sektor des Filmfestivals die Erwachsenen getafelt im Geiste von Slow Food. Das Programm war „pescatorisch“, wie der Leiter des Kulinarischen Kinos, Thomas Struck, erzählt, vegetarisch mit Fisch. Für Runden von jeweils 200 Gästen kochten Spitzenköche wie Michael Kempf, Tim Raue und die Roca-Brüder. Auch die Erwachsenen haben vorher Filme übers Essen gesehen. Die Reihe wird immer populärer. Die Online-Tickets seien nach zehn Minuten ausverkauft gewesen, sagt Struck.

Auch bei den Kindern ist das Interesse an den Zusammenhängen zwischen dem, was auf dem Teller liegt und der Welt, in der das zustande kommt, riesengroß. „Warum sind die Pflanzen so groß geworden?“, „Warum hat man nicht gesehen, woraus das Heilmittel gemacht war?“ Vor allem verstehen die Kinder nicht, warum der Präsident sich nicht dagegen gewehrt hat, dass die Pflanzen alle kaputt gemacht wurden. „Der durfte doch bestimmen.“

Dass es gentechnisch veränderte Pflanzen wirklich gibt, erzählt Anne Bundschuh vom „Gen-ethischen Netzwerk“. „Wenn wir die Auswirkungen nicht kennen, ist das ganz gefährlich.“ Anschaulich beschreibt sie, wie das Gift, mit dem man die Pflanzen besprüht, am Ende auch das Grundwasser verseucht.

Das Kulinarische Kino verstand sich von Anfang an als ein Ort, an dem es nicht nur ums Stars gucken und Sterneküche verputzen geht. Hier soll das Bewusstsein für einen achtsamen Umgang mit Lebensmitteln geschärft werden, indem man sich mit der „schönen und manchmal auch schrecklichen Welt der Nahrung“ auseinandersetzt. Unter anderem ging es in diesem Jahr um Ausbeutung in der Landwirtschaft und Artenschutz mit Mitteln der Kunst – das ist gerade auch in Hollywood populär. Bei seinen Aufenthalten dort fiel Berlinale-Chef Dieter Kosslick, der selbst ein überzeugter Gourmet und Vegetarier ist, zuletzt die explosionsartige Vermehrung veganer Restaurants auf.

Das fleischfreie Kindermenü bereitete Moira Seba vom Kochatelier Ratatouille zusammen mit den kleinen Helfern und eigenen Mitarbeitern. Sie ist darauf spezialisiert mit Kindern und Erwachsenen schnelle französische Gerichte einzuüben. Hatten die Kinder am Ende nun Angst, dass sich die gruseligen Pflanzen aus dem Film auch mal in ihre Welt fressen könnten? Nein, da sind sie ganz zuversichtlich. „Sowas passiert nicht, das war doch alles nur ein Traum.“

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