Kultbar "Gainsbourg" muss schließen : In der Höhle geht das Licht aus

Die Bar „Gainsbourg“ liegt am Savignyplatz, versteckt hinter Knöterich. Sie ist Heimat für Politiker, Künstler, den Kiez. Doch nach 17 Jahren muss das Lokal nun schließen.

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In seiner Höhle: "Gainsbourg"-Inhaber Frido Keiling am Tresen seiner eigenen Bar, die in der nächsten Woche trotz regen Zuspruchs schließen muss.
In seiner Höhle: "Gainsbourg"-Inhaber Frido Keiling am Tresen seiner eigenen Bar, die in der nächsten Woche trotz regen Zuspruchs...Foto: David von Becker

„Eigentlich ist es mit der Bar wie bei einem Film“, sagt Frido Keiling, Chef des „Gainsbourg“ in Charlottenburg. Ein Film, dessen Regisseur Keiling seit nunmehr 17 Jahren ist – und es bald nicht mehr sein darf. Denn die neuen Besitzer der Bar am Savignyplatz, Ecke Knesebeckstraße, haben den Mietvertrag nicht verlängert. Sie wollen das Lokal nun selbst nutzen und ihr nebenan gelegenes spanisches Restaurant erweitern. Am 15. Januar wird somit der letzte Drink serviert in Keilings Bar.

Das „Gainsbourg“: Versteckt hinter Knöterich, ist es Treffpunkt für Architekten, Musiker, für Schauspieler wie Jürgen Vogel, Heimat für den Kiez, immer gut für einen wirklich allerletzten Absacker. Die Nachricht vom Aus macht derzeit die Runde, selbst einer wie Innensenator Ehrhart Körting raunt, leicht entsetzt : „Schon vom Gainsbourg gehört?“

Noch inszeniert Frido Keiling, der Besitzer. „Ich bin nicht irgendein Wirt und das hier ist nicht irgendeine Kneipe“, sagt er. „Ich achte darauf, dass Musik, Licht und Getränke zueinander passen, dass die Details einen Witz haben und das Ganze die Menschen reinzieht.“ Von welchem Filmemacher das „Gainsbourg“ dann am ehesten beeinflusst sei? Keiling blickt ins rötlich-schummrige Halbdunkel seiner Bar, über die Regisseur Oliver Stone bei einem Besuch gesagt haben soll, sie sei genau „sein Ding“. Stone also? „Vielleicht eher Fassbinder, ,Berlin Alexanderplatz‘. Da haben auch viele gesagt, es sei zu dunkel. Trotzdem war es gut.“

Es ist noch nicht sehr spät an diesem Abend, kurz vor 21 Uhr. Für „Gainsbourg“-Verhältnisse leuchten die abgehängten Lampen noch recht hell, die rotumränderten Kerzen brennen zahlreich. Im Laufe des Abends werden die Barkeeper das Licht immer weiter dimmen und die Musik zugleich lauter werden lassen, bis es in den frühen Morgenstunden, in denen jeder Abend im „Gainsbourg“ endet, sehr dunkel und sehr laut sein wird. „Menschen mögen das Höhlenartige“, sagt Keiling. Das liege in ihrer Natur. Und wie eine Höhle, so sei nun mal die Bar.

Dass die Lichter in zehn Tagen ganz verlöschen, ist für viele Stammgäste unverständlich: „Ich gehe hier seit 17 Jahren hin“, sagt Schauspielagentin Sabina Noack, die früher im Kiez wohnte und nun einmal pro Woche aus Grunewald anreist, um ihre Freundin Lee Ann Dördrechter zu treffen, die es in der Zwischenzeit nach Kreuzberg verschlagen hat. Gemeinsam beim Sauvignon am Tresen sitzend, reden sich die beiden Frauen zunehmend in Rage: „Wir sterben, wenn das hier zumacht, und wir sind gerade erst 40“, sagt Dördrechter. „Wir reden über eine Katastrophe“, sagt Noack. Was die Bar ausmacht? „Es ist nicht zu schick, hat aber authentisches Esprit“, sagt Noack. „Es fühlt sich vertraut an und ist zugleich am Puls der Zeit“, sagt Dördrechter. „Ein Stammgast hat hier das Gefühl, mitten im Leben zu stehen, ohne aber ständig vom Hocker gehauen zu werden.“

Vom Hocker gehauen wird auch am heutigen Abend niemand, das gilt nicht nur im übertragenen Sinn. „Hier darf jeder rein und hat die Chance, sich zu benehmen oder nicht“, sagt Frido Keiling. Dass das „Gainsbourg“ hinter seinem Rücken schon mal als „legendärer Absturzladen“ bezeichnet wird, schmeichelt ihm, der hierin auch den Namenspatron, Chansonnier, Schauspieler und „großen Trinker und Raucher“ Serge Gainsbourg wiederfindet, dem mit allerlei Bildern und Nippes gehuldigt wird. Das Publikum hält Keiling durch etwas gehobene, aber nicht maßlose Preise (Cocktails ab neun Euro) auf Niveau, die Klientel beschreibt er als „eher intellektuell“.

Dass es damit nun vorbei sein soll, ist auch für Frido Keiling hart: „Es ist toll, eine Bar zu besitzen“, sagt er. „Die würde mir persönlich fehlen.“ Seine Karriere als Gastronom habe er „immer aus egoistischen Gründen“ betrieben, vielleicht sei das ja auch das Geheimnis des Erfolgs. „Hier steckt sehr viel Persönlichkeit drin.“ Persönlichkeit, die Keiling nun an einen anderen Ort transferieren möchte: „Ich suche nach Räumlichkeiten, aber es ist nicht einfach: Wegen der Stammkunden muss es hier in der Nähe sein, der schummerige Charakter muss sich realisieren lassen. Es geht nicht darum, irgendwo irgendeinen Laden aufzumachen.“ Dass Keilings zweites Standbein, das eher restaurantartig gestaltete „Café Brel“ auf der anderen Seite des Platzes, diese Lücke füllen kann, glaubt Keiling nicht, „schon allein, weil da an der Bar nicht geraucht werden darf“. Noch ist das jedoch kein Thema: Bevor im „Gainsbourg“ die Lichter ausgehen, wird es am Montag noch einmal laut. Dann spielt Keiling ab 22 Uhr mit seiner Band, dem „Gainsbourg Bar Ensemble“. So lange, „bis die Polizei kommt und die Livemusik abbricht“. Der Abend im „Gainsbourg“ sei dann aber noch lange nicht vorbei.

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