Berlin : Kunstobjekte eines Ex-RAF-Mitglieds im Parlament zeigen?

Claudia Keller

Weiter weg als im Gefängnis kann ein Mensch nicht sein: von der Gesellschaft weggeschlossen.Wie diese ferne Welt aussieht, wissen nur wenige. Die meisten von uns haben Bilder aus Spielfilmen im Kopf. Viel wird auch über den Sinn von Resozialisierungsmaßnahmen diskutiert, aber nur wenige kennen den Alltag der Gefangenen. Viele wollen ihn vermutlich auch gar nicht kennen lernen. Aber für die, die mehr erfahren wollen, ist die Ausstellung wichtig – gerade im Abgeordnetenhaus.

Denn es sind die Politiker, die über das entscheiden, was hinter Gittern geschieht. Sie können in den Fotos, Zeichnungen und Texten herauslesen, wie sich diese und jene Maßnahme niederschlägt, wie sich die Wahrnehmung und die Einstellungen der Inhaftierten verändert. Die Bilder zeigen, dass für viele das Gefängnis Endpunkt ihres Lebens ist und bleibt. Andere spiegeln eine Aufbruchstimmung wider – auch die Fotos der ehemaligen RAF-Terroristin Eva Haule.

Gerade an ihrer Person zeigt sich, wie sinnvoll es ist, jemanden nicht nur wegzusperren, sondern ihm neue Wege aufzuzeigen. Viele ihrer Bilder zeigen, dass sie ein Talent für die Kamera hat. Nach einer möglichen Entlassung ist geplant, dass sie ein Fotografie-Stipendium bekommt – der Anfang eines neuen Lebens. Darauf einen Blick zu riskieren, schadet nicht. Politikern ebenso wenig wie den vielen Besuchern, die täglich durch die Foyers des Abgeordnetenhauses geleitet werden.

Selbstverständlich haben auch Terroristen der RAF einen Anspruch auf Resozialisierungsversuche. Eva Haule hat bislang aber nicht deutlich gemacht, dass sie die Verbrechen der RAF bedauert. Da stellt man sich schon die Frage, wie groß ihr Interesse an Resozialisierung ist. Es könnte sein, dass der wohlmeinende Parlamentspräsident Walter Momper im Abgeordnetenhaus jemanden mit einer Kunstausstellung wieder an die Gesellschaft heranführen möchte, der für die Gesellschaft so wenig übrig hat wie für Mompers Bemühungen. Ein zweiter Grund spricht gegen die Ausstellung von Terroristinnen-Kunst im Abgeordnetenhaus: Es ist ein Haus, in dem die Berliner Politik sich darstellt und in dem das Berliner Parlament Gäste empfängt. Beides ist an bürgerliche Formen und an Konventionen gebunden. Daran halten sich die Abgeordneten, und das ist gut so. Eigentlich sollte sich auch der Parlamentspräsident daran halten. Weil ein paar Konventionen im Abgeordnetenhaus noch gelten, kann die Berliner Politik dort auch Gäste empfangen, die mit den ansonsten deregulierten Berliner Umgangsformen Schwierigkeiten haben. Zu den Konventionen gehört, dass man Besuchern das eigene Kunstverständnis weder aufnötigt noch sie damit brüskiert. Es gibt viele spannende Ausstellungsorte in Berlin, die gewiss gerne und zu Recht mit den Fotos Eva Haules provozieren würden. Mit diesen Orten muss das Abgeordnetenhaus nicht konkurrieren. Werner van Bebber

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