Berlin : Kurt Eberhard (Geb. 1938)

Wie erschießt man Walter Ulbricht?

Falko Hennig

Er war 14 Jahre alt, als er nach West-Berlin aufbrechen wollte. Der Vater war im Krieg gefallen, man schrieb das Jahr 1952, und Kurt Eberhards Mutter legte gegen seinen Aufbruch keinen Einspruch ein. Sie wusste, dass er ein mecklenburgischer Dickschädel war – und holte aus dem Keller ein Schild seines Großvaters mit der Aufschrift: „Sanitätsrat Dr. Kurt Eberhard. Facharzt für Frauenleiden“. „Kurt, das Schild hebe ich schon mal für dich auf!”, sagte sie.

Kurt Eberhard empfand die Geste bis zum Ende seines Lebens als Magie. Als er längst Professor war und auf den Doktortitel gut hätte verzichten können, zwang ihn dieser Zauber, sich noch mit einer Dissertation zu quälen.

Doch zunächst einmal fuhr er allein mit der Eisenbahn nach West-Berlin, wo er in Heimen und Pflegefamilien unterkam. Als Psychotherapeut kümmerte er sich später besonders um Pflegekinder; und ihm kam zugute, dass er ihnen eigentlich näherstand als seinen Kollegen.

Bis zuletzt tat es ihm leid, dass es ihm und Dieter Hallervorden nicht gelungen war, den verhassten Walter Ulbricht zu erschießen. Der spätere Komiker und Kabarettist und der angehende Psychotherapeut hatten sich 1958 in einer schlagenden Verbindung kennengelernt. Die Mitglieder stammten fast alle aus der sowjetischen Besatzungszone, ihr Wahlspruch lautete: „Ehre, Freiheit, Vaterland“. Hallervorden war dabei, weil er nach seiner Flucht dort eine erste Unterkunft gefunden hatte. Mit Kurt Eberhard verband ihn die Lust am Blödsinn, das Interesse für Bertolt Brecht – ebenso wie der Hass auf Walter Ulbricht.

Ihnen war bekannt, dass der Parteichef ganz in der Nähe vom S-Bahn-Ring, an der Werner-Seelenbinder-Halle, Tennis spielte. Sie hatten ihn dort selbst von der S-Bahn aus gesehen. Ernsthaft und mit großer Fantasie begannen sie, ihren Anschlag zu planen.

Es musste schnell gehen. Einer würde aus der fahrenden S-Bahn schießen, während der andere die Tür oder das Fenster offen halten sollte. Aber wie schießt man aus einem fahrenden Zug? Wie berechnet man die Schussbahn? Kurt Eberhard sollte sich um die physikalischen Zusammenhänge kümmern. Für die Schusswaffe war Hallervorden zuständig. Er wusste, am Stuttgarter Platz konnte man die Dinger kaufen. Sie wurden damals aus Belgien importiert.

Beiden, Hallervorden und Eberhard, war klar, dass sie erwischt werden würden. Sie würden ins Gefängnis nach Brandenburg oder nach Sibirien kommen, vielleicht lebenslänglich. Möglicherweise würden sie die Sache mit dem Tod bezahlen. So hatte es eine Freundin dann auch nicht schwer, die beiden von dem Mordplan abzubringen.

Und Kurt Eberhard führte fürderhin ein reiches Leben zum Wohl seiner Patienten und Pflegekinder. Die Behandlungsmethoden des erfolgreichen Psychotherapeuten waren so unkonventionell wie sein Leben. Keiner klassischen Schule dogmatisch zugehörig, konnte er zum Beispiel einen Exhibitionisten dazu bringen, seine Leidenschaft statt auf öffentlichen Plätzen oder in Parks im Internet auszuleben. Ein Zimmermann durfte ihm seine Therapie durch den Anbau eines Wintergartens bezahlen, ein Schriftsteller durch Schreibarbeiten. Einem vor Liebeskummer kranken Patienten riet er, es bei der Angehimmelten mit K.- o.-Tropfen zu versuchen. Die Provokation erfüllte ihren Zweck, die Tropfen kamen nicht zum Einsatz. Er sah sich nicht so sehr als Wissenschaftler, sondern eher als „Spökenkieker“, als Spukseher, eine Mischung aus Hell seher, Spinner und Hexer.

Seine Freunde und seine Familie hätten ihn gern noch lange bei sich gehabt. Er war mit sich im Reinen. In seinen letzten Tagen war er von einer großen Heiterkeit, als habe er gewusst, dass er schmerzlos aus dem Leben scheiden würde, bevor er seinen chronischen Krankheiten ganz ausgeliefert wäre. Falko Hennig

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