Berlin : Lachkrampf statt Klassenkampf

Die Ost-Comic-Helden „Abrafaxe“ werden 30. Heute lädt die Redaktion zum Tag der offenen Tür

Sebastian Leber

Richtig düster sah es nur direkt nach der Wende aus. Da wollten „die Ostdeutschen erstmal Micky Maus und all das lesen, was sie vorher nicht kaufen konnten“, erinnert sich Jörg Reuter. Also blieben seine Mosaik-Hefte in den Regalen liegen, Reuter nennt das heute den „Coca-Cola-Effekt“.

Inzwischen sind viele Leser zurückgekehrt, und die Abenteuer der drei Kobolde Abrax, Brabax und Califax verkaufen sich wieder rund 120 000 Mal im Monat. Zum 30. Geburtstag der Figuren mit den Knollennasen laden Redaktionsleiter Jörg Reuter und seine Zeichner heute zum Tag der offenen Tür ein. Im Charlottenburger Westend. Dort hat der Mosaik-Verlag seinen Sitz, nachdem er 1992 von einer West-Berliner Werbeagentur gekauft worden war. Sie hatte der Treuhandanstalt eine Mark gezahlt. Überhaupt seien die Abrafaxe längst ein „deutsch-deutsches Projekt“, findet Reuter. Immerhin stammten drei der acht festangestellten Redakteure aus dem Westen – „den Franzosen mal mitgerechnet“. Und auch ein Drittel der Leserschaft komme bereits aus dem Westen.

Dabei wurden die Abrafaxe einst geschaffen, um sich von der kapitalistischen Bundesrepublik abzugrenzen: Im September 1955 trat in der DDR eine Verordnung in Kraft, die den Verkauf von „Schund- und Schmutzliteratur“ untersagte – besonders der „aus dem Adenauer-Staat“. Weil sich die Jugend nicht daran hielt und ihre Disney-Hefte nun heimlich las, holte der staatliche Jugendverband FDJ zum Gegenschlag aus: Ein Heft mit marxistischem Bildungsauftrag sollte her, aber nicht unter dem Namen „Comic“, sondern lieber als „sozialistische Bildgeschichten“. So entstanden die Kobolde „Digedags“, die Vorläufer der Abrafaxe. Der marxistische Bildungsauftrag wurde nie zur Zufriedenheit der Partei ausgeführt, sagt Lothar Dräger, der Erfinder der Abrafaxe. „Wir wollten nicht die Geschichte des Klassenkampfs, sondern lieber die Geschichte der Spaßmacher erzählen.“ Also habe sich seine Redaktion „über die Jahre so durchgewurschtelt, letztlich konnten wir doch meistens unseren Willen durchsetzen“. Unterschiede zu den Comics von Disney gab es aber schon, sagt Dräger: „In Entenhausen herrscht ein großes Gefälle zwischen Arm und Reich. Ein Dagobert Duck, der im Geldspeicher schwimmt, sowas fiel bei uns unter Kapitalismus-Verherrlichung und war damit undenkbar.“ Ganz selten mussten Dräger und sein Team ihre Geschichten umschreiben. Zum Beispiel, als die Figur „Ritter Runkel“ in einer Fortsetzungsgeschichte auf dem Weg nach China war. „Plötzlich gab es diplomatische Spannungen zwischen China und der Sowjetunion, also durfte das Wort China nicht mehr bei uns im Heft vorkommen.“ Da musste die Reise von Ritter Runkel schon in Persien enden.

Der Tag der offenen Tür im Verlag Mosaik, Lindenallee 5 in Charlottenburg, beginnt heute um 12 Uhr. Bis 19 Uhr gibt es Führungen.

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