Berlin : Lachs und Vogel

US-Botschafter Timken zu Besuch in Kreuzberg: Er spricht mit Jugendlichen – beim Mittagessen

Elisabeth Binder

Am letzten Novembermittag des Jahres toben positive Gedanken durch den Kreuzberger Hinterhof wie kleine Revolutionen. In der Metall-Werkstatt des „Bildungswerks in Kreuzberg“ (BKW) drängen sich Fotografen zwischen einstmals chancenlosen Jugendlichen. Der Besuch von US-Botschafter William R. Timken an der Cuvrystraße ist inszeniert wie ein kleiner Staatsbesuch. Der Botschafter, ein Förderer von US-Präsident George W. Bush und auch dessen Vater, ist selbst ein erfolgreicher Unternehmer, und er kennt solche Werkstätten von zu Hause. Botschafter Timken wird empfangen wie ein Hoffnungsträger. Ein junger Türke überreicht ihm einen selbst gebastelten Vogel namens Fritz, eine angehende junge Floristin ein rosa-grünes Weihnachtsgesteck für Ehefrau Sue.

Im Bildungswerk werden 850 Jugendliche für den Arbeitsmarkt qualifiziert, die sozial benachteiligt sind oder aus Migrantenfamilien kommen. Ähnlich ist auch die Zielgruppe des Botschafterprojekts „Windows on America“, das er bei einem Mittagessen – Lachs auf Gemüsespaghetti – vorstellt. Muslimische Jugendliche, die sonst aufgrund der hohen Kosten niemals in die USA reisen könnten, bekommen dadurch die Möglichkeit, bei zehntägigen Aufenthalten in amerikanischen Gastfamilien Vorurteile abzubauen. Synergien sind denkbar. BKW-Geschäftsführer Nihat Sorgeç hofft auf Interesse amerikanischer Unternehmen an seinen Jugendlichen, auf eine Teilnahme an „Windows on America“. Stephan Felisiak, Geschäftsführer des Jobcenters Friedrichshain-Kreuzberg nennt Zahlen, die Bedarf signalisieren. Mehr als 90 Prozent der ausländischen Jugendlichen in seinem Einzugsbereich haben keine abgeschlossene Berufsausbildung.

Der Botschafter erzählt, wie sein Urgroßvater mit acht Jahren als Immigrant aus Deutschland in die USA kam und später zusammen mit seinem Sohn ein Unternehmen aufbaute, das heute weltweit 26 000 Mitarbeiter hat. Er erzählt von bäuerlichen vietnamesischen Einwanderern, deren Kinder in den USA Forscher geworden sind. „Persönliche Freiheit ist nicht denkbar ohne wirtschaftliche Freiheit.“ Er finde das Bildungswerk „großartig“, weil es wichtig sei, Horizonte zu öffnen, es sei ein „Fenster in die Zukunft“.

Der Kreuzberger Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) hofft ebenfalls auf eine Partnerschaft mit den Amerikanern. Er betont den Bedarf für weitere Einrichtungen dieser Art. Das Projekt des Botschafters lobt er, weil es helfe, „dass Jugendliche sich eine eigene Meinung bilden“. Es wird noch viel Positives gesagt, auch über das Essen, das die Jugendlichen bereitet haben. Auf der langen Tafel stehen filigrane Orchideengestecke zwischen brennenden blauen Kerzen wie Boten aus einer besseren Welt. Elisabeth Binder

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