Berlin : Ladenschluss: Die Hälfte der Geschäfte hat am Abend noch geöffnet

Sigrid Kneist

Die kompromisslose Haltung der Gewerkschaften HBV und DAG beim Ladenschluss stößt beim Einzelhandelsverband und bei Wirtschaftssenator Wolfgang Branoner auf Unverständnis. Der Geschäftsführer des Berliner Einzelhandelsverbandes, Nils Busch-Petersen, spricht von "Blockadepolitik", durch die sich die Gewerkschaften ihrer Mitgestaltungsmöglichkeiten beraubten. Branoner sagte, dass die Gewerkschaften mit ihrer Extremposition nichts erreichen könnten.

DAG und HBV lehnen eine Flexibilisierung strikt ab, während Einzelhandelsverband und IHK eine Freigabe der Geschäftszeiten an Werktagen fordern. Der Senat geht einen Mittelweg und brachte Ende 1999 eine Bundesratsinitiative ein, an den Werktagen - einschließlich Sonnabend - die Geschäftszeiten bis 22 Uhr zu verlängern. In einem Punkt sind sich die Betroffenen annähernd einig: Den einkaufsfreien Sonntag will man so weit wie möglich unangetastet lassen.

Als "familien- und sozialpolitisch unmöglich" bezeichnet Roland Tremper von der DAG erweiterte Ladenöffnungszeiten von montags bis sonnabends bis 22 Uhr. Für die 72 000 Beschäftigten im Berliner Einzelhandel bedeuteten diese unzumutbare Belastungen. Nach Trempers Angaben wird der Ladenschluss auch die bundesweiten, demnächst beginnenden Manteltarifverhandlungen betreffen. "Sozial skandalös", sagt Manfred Birkhahn von der HBV. Er rechne damit, dass die Beschäftigten sich zur Wehr setzen werden. Die Gewerkschafter verweisen darauf, dass weitergehende Öffnungszeiten nicht gebraucht würden, da viele Geschäfte bereits um 19 Uhr verwaist seien. Zudem habe die Verlängerung der Geschäftszeiten bis 20 Uhr seit 1996 nicht - wie prognostiziert - bundesweit 50 000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen. Stattdessen seien rund 100 000 Stellen abgebaut worden. Eine Aufhebung des Ladenschlusses führten dazu, dass kleine Unternehmen im Wettbewerb auf der Strecke bleiben. Lediglich beim Sonnabend sehen Gewerkschafter Spielraum, allerdings nur hinter vorgehaltener Hand. Da könne man zu einem Kompromiss kommen, die Zeiten bis 18 Uhr zu verlängern.

Die Bundesratsinitiative des Senats bezeichnete Busch-Petersen als Schritt in die richtige Richtung, sinnvoller wäre aber ein "Befreiungsschlag mit der völligen Freigabe an Werktagen". Ausschlaggebend sollten "Kundenströme und nicht Zeitraster" sein. Erfahrungen anderer Länder zeigten, dass die Freigabe nicht unbedingt zu längeren Wochenöffnungszeiten führt. "Nach ersten gewissen Turbulenzen wird es eine große Gelassenheit geben", sagt Busch-Petersen. Nach Ansicht der IHK könnte eine Freigabe der Geschäftszeiten an Werktagen den verkaufsfreien Sonntag nachhaltig stärken. Die IHK spricht sich jedoch dafür aus, einige Sonntage - möglichst aufgrund einer bundesweiten Regelung - freizugeben.

Derzeit schöpfen die Händler die möglichen Zeiten nicht voll aus. Nach Angaben Busch-Petersens haben lediglich 50 und 60 Prozent der Geschäften zumindest zeitweise in der Zeit zwischen 18.30 und 20 Uhr geöffnet. Dies sei bundesweit einer der höchsten Prozentsätze. Manche Filialketten machen die Öffnungszeiten der Läden vom Standort abhängig. Reichelt beispielsweise öffnet zwar seit einigen Monaten alle 83 Geschäfte bereits um 7 Uhr. Aber einige Filialen schließen um 18.30 Uhr, andere erst um 20 Uhr. Selbst an einem Standort kann es unterschiedliche Zeiten geben: Von montags bis mittwochs bis 18.30, donnerstags und freitags bis 20 Uhr. Und am Sonnabend sind manche Reichelt-Filialen nur bis 14 Uhr geöffnet, andere wiederum bis 16 Uhr.

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