Berlin : Längste Theke Berlins

Die Karl-Marx-Allee wird zur Ausgehmeile. Immer mehr Restaurants, Bars und Clubs öffnen neu

Timo Lange

Aus der Ostalgie-Welle muss sich doch Kapital schlagen lassen – darauf spekulierte so manche Immobilienfirma und hoffte, dass sich auf der Karl-Marx-Allee alsbald viele junge Gastronomen mit tollen Konzepten ansiedeln. Und obendrein tolle Miete zahlen. Doch die Szene wollte nicht so recht auf die Prachtschneise aus der Arbeiter- und Bauernära ziehen. Inzwischen sind die Wunschträume einem Realitätssinn gewichen, und siehe da, es regt sich was auf der Allee.

„Ich habe mich anfangs gar nicht getraut, den Anwohnern zu sagen, was ich hier aufmachen will,“, sagt Maxime Boillat, der sich in einer ehemaligen Videothek in der Berolinastraße, einer Nebenstraße der Allee, mit seinem Club Paradies eingemietet hat. „Viele schauten während des Umbaus hoffnungsvoll rein“, sagt er. Boillat druckste herum, erzählte von Kunst und Konzerten und sah enttäuschte Gesichter. Denn ringsherum wohnen vor allem Familien und Rentner, die sich eine bessere Nahversorgung wünschen. Doch selbst die Behörden wollen an der Allee das Nachtleben pulsieren sehen.

Auf der anderen Seite der Karl-Marx-Allee hat sich das WMF längst im Café Moskau niedergelassen. Club-Chef Gerriet Schulz hat sich ein ostalgisches Filetstück unter den Ausgeh-Orten gesichert. „Im Café Moskau sind die Möglichkeiten ideal, man kann räumlich variieren.“

Der längste Tresen Berlins sollte an der Karl-Marx-Allee zwischen Weberwiese und Frankfurter Tor nach dem Willen der Hauseigentümer entstehen. Steffen Leuschner vom Maklerunternehmen Aengevelt, seit zwei Jahren für die Vermietung zuständig, hat Erfolge vorzuweisen: „Früher standen 40 Prozent leer, jetzt nur noch zehn“. Fast alle Gewerberäume seien an Gastronomen vermietet worden. „Die spielen hier eine Vorreiterrolle.“ Tatsächlich wagen immer mehr Wirte den Start an die Allee. An der Ecke Friedenstraße wurde aus einem Trinkertreff ein gepflegter Biergarten, das Oranke-Orange. Im Sommer konnte man hier wunderbar relaxen und im Fackelschein anstoßen. Für Cocktail-Trinker öffneten weitere stilvolle Anlaufstationen: Zum Beispiel die Scala-Lounge, die ganz auf Retro getrimmt wurde und regelmäßig gute DJs bucht. Oder aber die CSA-Bar, gastronomischer Nachfolger der Czechoslovakian Airline CSA, die an gleicher Stelle eine Dependance hatte. Ein Teil des Interieurs wurde sogar erhalten.

Eine pompöse Neueröffnung ist zudem das Consulat in der Nachbarschaft des Kosmos-Filmtheaters am Frankfurter Tor. Insgesamt 600 Sitzplätze bietet die Mammut- Lounge. Andreas Trosiner, Betreiber des Consulats, ist sich sicher: „Der Standort ist in ein paar Jahren Gold wert.“ Die Hoffung ist da, fehlt nur noch die Szene.

Bei den vielen Newcomern hat es die inzwischen alteingesessene U5-Bar nicht gerade leicht. Wer am Frankfurter Tor aus der U-Bahn steigt, lässt die Lounge schnell links liegen. Doch die Qualität der Alkoholika überrascht, die Musik ist gut, und fürs Warten auf die U-Bahn ist die Bar ohnehin Gold wert.

Paradies, Berolinastraße 7, Do bis Sa ab 23 Uhr, www.paradiesberlin.de; WMF, Karl- Marx- Allee 34, Do- So ab 22 Uhr, weitere Infos: www.wmfclub.de; Oranke-Orange, Karl-Marx-Allee 93, tägl. 11 bis 23 Uhr; CSA-Bar, Karl-Marx-Allee 96, tägl. ab 20 Uhr, Tel. 29 04 47 41; Consulat, Karl- Marx- Allee 133, tägl. ab 10 Uhr, www.berliner-consulat.de; U 5, Frankfurter Tor 9, 29 49 49 42, Mo-Do 19. bis 2 Uhr, Fr+Sa bis 4 Uhr.

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