Berlin : Lärmempfindliche Flieger

35 000 Kraniche auf der Durchreise nach Süden rasten derzeit im Unteren Odertal Im Gebiet rund um den Ort Gartz bieten Naturwächter Exkursionen zu den scheuen Vögeln an.

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Reiche Ernte. Kraniche finden in Brandenburg ein gutes Nahrungsangebot. Durch den verstärkten Maisanbau hat sich die Zahl der Vögel in den vergangenen Jahren vergrößert. Mittlerweile fühlen sich die Kraniche, die aus den Brutgebieten in Skandinavien kommen, so wohl in der Region, dass viele hier überwintern, statt weiter in den Süden zu fliegen. Foto: dpa/Pleul
Reiche Ernte. Kraniche finden in Brandenburg ein gutes Nahrungsangebot. Durch den verstärkten Maisanbau hat sich die Zahl der...Foto: ZB

Gartz - Kranichexperte Dirk Treichel schwört für die Beobachtung der stolzen Vögel an der Oder auf die „gelbe Stunde“. In der abendlichen Dämmerung zaubere die untergehende Sonne gerade an klaren Herbsttagen im Nationalpark Unteres Odertal eine besondere Atmosphäre. „Dann fliegen die Kraniche in großen Formationen aus dem Licht im Westen zu ihren Schlafplätzen zwischen den zahlreichen Oderarmen im Osten“, sagt der Chef des Nationalparks Unteres Odertal, rund 100 Kilometer nordöstlich Berlins gelegen. „So ein Schauspiel erfreut jeden Tierfreund.“ Er empfiehlt dafür einen nicht alltäglichen Beobachtungsplatz. Auf dem Deck eines Fahrgastschiffes würde sich der Gast in erhöhter Position befinden, so dass selbst die Landung der Vögel im seichten Wasser und ihre Schlafpositionen zu erkennen seien. In der am morgigen Freitag beginnenden Kranichwoche in der Kleinstadt Gartz werden bis zum 7. Oktober regelmäßige Ausflugsfahrten in der „gelben Stunde“ angeboten.

Doch nicht nur an Bord eines Ausflugsdampfers geben erfahrene Naturwächter in den nächsten Tagen Auskünfte über die Tiere. Exkursionen finden auch zu Fuß, im Kremser, in Kleinbussen und im Kanu statt. Sie starten sowohl in der Morgen- als auch in der Abenddämmerung. „Natürlich lohnt sich auch ein Ausflug in der blauen Stunde bei Sonnenaufgang“, meint Dirk Treichel. „Wenn sich der Nebel langsam aus den Flussauen hebt, erscheinen die Kraniche als ein brauner oder grüner Pulk.“ Für dieses Erlebnis müsse man sich aber sehr früh auf die Beine machen. Am besten, empfiehlt Treichel, kommt man schon am Vorabend: In Gartz, im benachbarten Schwedt oder in der romantischen Salvey-Mühle im fünf Kilometer von der Oder entfernten Geesow stünden genügend Übernachtungsmöglichkeiten zur Verfügung.

Rund 35 000 Kraniche rasten derzeit im Unteren Odertal. Sie kommen aus den Brutgebieten in Skandinavien und im Baltikum und stärken sich in Brandenburg für den Weiterflug nach Südfrankreich, Spanien oder sogar Afrika. Spätestens mit den ersten strengen Nachtfrösten im November oder Dezember begeben sich die Formationen auf die Weiterreise in die Wärme. Damit sie dann pro Tag mehrere hundert Kilometer zurücklegen können, trainieren sie im Odertal genau wie im Rhinluch bei Kremmen oder in der Niederlausitz den energiesparenden Flug. Abwechselnd wird der Windschatten gesucht.

In der Luft sind Kraniche leicht von den ebenfalls imposanten Reihern zu unterscheiden. Beim Kranich ist der lange Hals durchgestreckt, während der Reiher doch seine typische S-Form behält. In der Luft erreicht die Flügelspannweite 2,20 Meter, nur der Seeadler spreizt sich noch 20 Zentimeter weiter.

In den letzten Jahren hat sich die Zahl der Kraniche nicht nur in Brandenburg erhöht. Der erheblich ausgedehnte Maisanbau schafft ein optimales Futterangebot. Immer mehr Vögel fühlen sich in der Mark inzwischen so wohl, dass sie hier überwintern. Dennoch reagieren die Vögel auf Störungen durch Menschen nach wie vor empfindlich. „Wir nähern uns auch in den Exkursionen während der Kranichwoche nur auf maximal 200 Meter Entfernung den Kolonien“, sagt Nationalparkchef Treichel. Auch Blitzlicht, helle Kleidung oder Lärm ist tabu. Denn jedes Aufschrecken bedeute für die Kraniche Energieverlust. Sie würden dann solche Regionen mit regelmäßigen Störungen meiden. An der Ostseeküste in Mecklenburg-Vorpommern sind die Kranichbestände sogar zurückgegangen, nachdem die Touristen den Vögeln zu nahe gekommen waren.

Diese Gefahr besteht in der Kranichwoche nicht. Die Naturwächter kennen die besten Plätze für die Beobachtung – aus sicherer Distanz.

Das Programm mit den Angaben zu den einzelnen Exkursionen finden Sie unter www.unteres-odertal.de. In Gartz starten bis zum 7. Oktober täglich Ausflüge und Vorträge zu den Kranichen.

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