Berliner CDU : Am Ende der Skala

Ein Angriff und seine Folgen: Wie Experten die Lage des CDU-Fraktionschefs Friedberg Pflüger sehen. In den Medien bekommt der Berliner CDU-Chef sein Fett weg.

Werner van Bebber

Harte Zeiten für den CDU-Fraktionsvorsitzenden Friedbert Pflüger. Erst forderte er die Absetzung von Anne Wills Talkshow, kam damit in die „Bild“-Zeitung, worüber wiederum Parteifreunde murrten – und musste sich auch noch von FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher als „Mameluck“ verspotten lassen.

„Die Deutschen, die Pflüger kennen, kennen ihn aus Talkshows“, schrieb Schirrmacher bei einem seiner gelegentlichen Ausflüge in die Politik am Mittwoch. „Seit Menschengedenken ist er zwar keine feste, aber eine doch nachweisbare Größe im Personenverzeichnis des Genres. Was nicht heißt, dass sein Part selbst ein großer wäre. Aber auch kleine Auftritte können große Kontexte haben. Der Mameluck in Lessings ’Nathan der Weise’ hat eine der winzigsten Sprechrollen der Bühnengeschichte. Drei Worte: ’Nur hier herein’.“ Springers „BZ“ zitierte wiederum gestern aus Schirrmachers Abhandlung und übersetzte für Leser, die ihren Lessing gerade nicht parat hatten, den „Mameluck“ mit „Sklaven“.

Pflügers Angriff auf Anne Will ist nicht mal bei Parteifreunden gut angekommen. „Gar nichts“ halte er von der Attacke, sagt etwa Peter Radunski, Parteimanager und Vielfach-Wahlkämpfer für die Union. Er habe gelernt: „Wer Hunger hat, soll mit dem Koch nicht streiten“, so Radunski. Anders gesagt: Wer seinen Bekanntheitsgrad durch Talkshow-Auftritte bei Anne Will erhöhen will, soll sehen, dass er eingeladen wird.

Oder hatte Pflügers Attacke vor allem den Sinn, bekannter zu werden? Der jüngsten Forsa-Umfrage zufolge liegt sein Bekanntheitsgrad bei 71 Prozent. Damit ist er den meisten Senatsmitglieder und allen anderen Fraktionschefs, auch den rot-roten, weit voraus. Richard Stöss, Parteienforscher der Freien Universität, sagt über den CDU-Fraktionsführer, als solcher – als Organisator der politischen Angriffe auf den Senat – mache er eine ganz gute Figur. Pflügers Problem, so Stöss, seien die persönlichen Werte: Er kommt bei den Berliner nicht an. Tatsächlich führt bei Forsa Klaus Wowereit die Beliebtheitsskala an, Pflüger steht an ihrem Ende.

Der CDU-Fraktionschef gibt vor, sich darum nicht zu kümmern. Wenn er erst einmal Regierender Bürgermeister sei, werde er auch beliebter, sagte er kürzlich in einem Interview mit dieser Zeitung. Tatsächlich ist über Pflügers „Part“ in der Berliner Politik noch längst nicht alles gesagt. Für die Opposition reicht es zu gelegentlichen Mehrheiten in den Umfragen. Wer mit Pflüger über seine Beliebtheitswerte spricht, bekommt zu hören, dass Wowereit mit seiner SPD nach sieben Regierungsjahren bei 28 Prozent liege. Bei Forsa sind es jetzt nur 27. Die Berliner CDU liegt danach bei 23 Prozent.

Parteienforscher Stöss sagt, die Stärke von Rot-Rot liege darin, dass die Koalition „so gut wie keinen Fehler“ mache. Und trotz der Sparpolitik vermittle der Senat „positive Botschaften“. Aber stark ist anders – das hat der rot-rote Konflikt über den EU-Vertrag gezeigt. Aus Radunskis Sicht hat Pflüger Erfolge zu verbuchen: Er habe eine Machtoption in Gestalt einer Jamaika-Koalition aufzeigen können. Das Volksbegehren zur Offenhaltung des Flughafens Tempelhof gehöre auf die Haben-Seite: „Da hat er Wowereit immerhin eine Schramme mitgegeben.“ Negativ schlage für Pflüger sein Verhältnis zur Berliner CDU zu Buche. „Im Alltag der Berliner CDU hat es Pflüger schwer.“

In der Partei geben die Kreischefs den Ton an – Pflüger gehört nicht dazu. Einmischen muss er sich Radunski zufolge trotzdem: Wer Erfolg haben wolle, müsse die Partei in Schwung bringen. Doch den Erfolg erziele er im Grunde ohne die Partei. Wie das gehe, habe in Amerika Barack Obama gezeigt. Politiker müssten heute Anhänger, Spender, Helfer mobilisieren – nicht allein Parteifreunde. Da sei das Potenzial der CDU viel größer als 23 oder 25 Prozent, so Radunski. Opposition als Serie von Kampagnen – da dürfte „Tempelhof“ mehr Wirkung hinterlassen haben als „Weg mit Will“. Werner van Bebber

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