Bundestagswahlen : Wahlkampf in Berlin (3): Kopf-an-Kopf-Rennen im Südwesten

Im bürgerlichen Steglitz-Zehlendorf verteidigt CDU-Direktkandidat Karl-Georg Wellmann sein Mandat. Für SPD-Herausforderer Klaus Uwe Benneter geht es um jede Stimme.

Sabine Beikler
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Bezirk mit vielen Gesichtern. Das Spiegelwand-Denkmal auf dem Hermann-Ehlers-Platz erinnert an die ermordeten Juden des Bezirks. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

2337 – diese Zahl wurmt Klaus Uwe Benneter seit vier Jahren. Genau 2337 Stimmen entschieden bei der Bundestagswahl 2005 über Sieg und Niederlage im bürgerlichen Südwesten. Mit hauchdünner Mehrheit gewann damals der CDU- Kandidat Karl-Georg Wellmann vor seinem SPD-Kontrahenten Benneter. „Dieses Jahr will ich 2338 Stimmen mehr als Wellmann“, sagt der SPD-Politiker energisch am Infostand auf dem Hermann-Ehlers-Platz in Steglitz. Der 62-jährige Politiker muss tatsächlich um jede Stimme kämpfen. Nach Berechnungen des Wahlforschungsinstituts election.de liegt Wellmann im Rennen um die Direktkandidatur vorn, und sein Listenplatz fünf garantiert Benneter keineswegs den erneuten Einzug in den Bundestag.

Benneter kämpft. Man kennt ihn hier in der Schloßstraße mit ihren Kaufhäusern, mit dem Kreisel und dem wiedereröffneten Schlossparktheater. Viele Wochenmarktbesucher nehmen die Wahlkampfflyer mit der Aufschrift „Benneter, den kenn’ ich“ entgegen und schauen den Kandidaten im beigen Zweireiher bei über 30 Grad Mittagshitze an. „Sie sehen in Natur echt besser aus als auf dem Plakat“, kommentiert ein vorbeilaufender Bauchladenverkäufer. Ein älterer Herr stellt sich nah vor Benneter auf. „Eine Quizfrage. Wieso ist die SPD so weit nach rechts gerutscht? Das war mal eine Arbeiterpartei.“ Es geht um Hartz IV, die Agenda 2010, um Lohnnebenkosten, um die Krise. Benneter antwortet ruhig, die SPD wolle die Wirtschaft ankurbeln, „wettbewerbsfähig machen“, mit der Agenda 2010 habe man unter Rot-Grün sozialpolitisch die „Kastanien aus dem Feuer“ holen müssen. So weiter wäre es ja nicht gegangen.

Es geht im bürgerlichen Steglitz, wo immer mehr gutsituierte junge Leute mit Familien hinziehen, vielen auch um die Erhaltung des Charité-Standortes Benjamin Franklin. Das Klinikum als „Herzstück für die Biomedizin-Region Süd-West“, sagt Benneter, sei enorm wichtig, müsse „unbedingt“ erhalten bleiben.

Dass im Südwesten von Glienicker Brücke bis Walther-Schreiber-Platz „nicht alles golden“ ist, so Benneter, weiß auch CDU-Spitzenkandidat Karl-Georg Wellmann. Der spricht von einer „kritischen Klientel“ in der Thermometersiedlung in Lichterfelde-Süd, von seinem Engagement, seit längerem in der Siedlung ein Anti-Gewalt-Training zu organisieren, und von der „angestrengteren Lage“ in Zehlendorf-Süd, wo es in den grünen Siedlungen Eigentumswohnungen, aber auch sozialen Wohnungsbau und Hartz- IV-Empfänger gibt.

Frühmorgens steht der 56-jährige CDU-Politiker im schwarzen Zweireiher mit seinem Wahlkampfteam vor dem Rathaus in der Lankwitzer Leonorenstraße. Auf dem Markt daneben ist noch nichts los, die Händler warten auf Kundschaft. Ali Khan lebt seit 25 Jahren in Deutschland, seit 15 Jahren betreibt er einen Obst- und Gemüsestand. Der gebürtige Libanese hat inzwischen einen deutschen Pass und wählt die CDU. Seine Tochter sei Parteimitglied und die Union „freundlich zu Ausländern“. Eine Frau in den Fünfzigern schimpft: „Jetzt versprechen die Politiker alles. Und nach der Wahl ist wieder alles beim Alten.“ Sie gerät immer mehr in Rage und lässt sich von Wellmann, der versucht, mit der Dame ins Gespräch zu kommen, gar nichts sagen.

Umso mehr freut es Wellmann, dass ein Bürger ihn anspricht und über „Geld und Wirtschaftswachstum“ sprechen will. Merkel mache das ja nicht schlecht, aber wer solle das alles bezahlen, die Bürgschaften, die Konjunkturprogramme? Wellmann erklärt, dass die Wirtschaft langsam wieder gesunde, Unternehmer, so höre er, würden wieder Aufträge bekommen. Und Steuererhöhungen seien sicher „Gift für die Wirtschaft“. Der Mann nickt zufrieden.

Am Infostand liegen die Werbegeschenke der Partei. Eigens für den schwarz-grün regierten Bezirk hat die CDU eine „Black Cola“ kreiert. Auf dem schwarzen Etikett steht mit weißer Schrift „Black Cola now“, direkt daneben eine Art grüner Wurmfortsatz, die Angaben „100 % Organic“ und „100 % Taste“ sind grün gedruckt. „Für die CDU im Südwesten sind die Grünen der Hauptgegner“, sagt Wellmann. Die Grünen etablieren sich immer mehr am gutbürgerlichen Stadtrand. Bei der Europawahl ging die Partei knapp hinter der CDU als zweitstärkste Partei hervor, in einigen Straßenzügen lagen die Grünen sogar vor der CDU.

Gemessen am Wahlergebnis der Bundestagswahl 2005 aber hat der grüne Direktkandidat Benedikt Lux wenig Chancen. Hinter CDU (32 Prozent) und SPD (30,4 Prozent) kamen die Grünen auf 15,9 Prozent. Doch Lux kämpft um jede Stimme und will von einem Stimmensplitting, wie es die SPD gern hätte, nichts hören. „Warum sollten grüne Wähler Benneter die Erststimme geben? Davon haben doch die Grünen nichts“, sagt der 27-jährige Landtagsabgeordnete am frühen Morgen vor der S-Bahn-Station Lichterfelde-West. „Morgen, darf ich Ihnen eine Zeitung von den Grünen mitgeben?“, ruft er den in den Bahnhof hastenden Menschen zu. Viele, die die Zeitung nehmen und Lux freundlich zunicken, tragen Anzüge und Aktentaschen, Gespräche über Politik kommen aber nicht zustande.

Benedikt Lux ist in Lichterfelde aufgewachsen. Er hatte sich geschworen, erzählt er, nicht wieder in den Südwesten zu ziehen, bevor er 30 sei. „Wenn ich aber gewinne, dann ziehe ich sofort hierher“, sagt er und lacht verschmitzt.


Weitere Informationen zu den Bundestagswahlen augf unserer Sonderseite Wahlen 2009.

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