Frührenten : Job-Allergie bei Beamten

Berlin will sein Beamtenrecht reformieren. Für Frührenten gab es teilweise skurrile Gründe.

Udo Badelt

In Berlin sind mindestens zwei Beamte wegen einer plötzlichen Grün-Allergie und wegen einer Gitter-Phobie in den vorzeitigen Ruhestand versetzt worden. Das bestätigte Nicola Rothermel, Sprecherin von Innensenator Ehrhard Körting, am Montag auf Tagesspiegel-Nachfrage. „Ja, diese beiden Fälle hat es gegeben“, sagt sie. Genauere Angaben könne die Senatsverwaltung des Inneren aber nicht machen, da sie keine Statistik über die Frühpensionierungen in ihrem Haus führe. Rothermel hatte die Fälle als Beispiel für psychische Erkrankungen genannt, die bei Polizisten und Vollzugsbeamten zu einer extrem frühen Pensionierung führen können.

Am Wochenende wurde bekannt, dass Innensenator Ehrhart Körting im kommenden Jahr das Beamtenrecht reformieren will. Anrechnungszeiten für Beamte, die frühzeitig in den Ruhestand gehen, sollen dabei verkürzt werden. 2007 gingen in Berlin 35 Beamte in den Vorruhestand, die höchstens 40 Jahre alt waren. Der Innensenator will 2009 eine Gesetzesvorlage einbringen, nach der künftig unterschieden werden soll zwischen Fällen von Frühberentung, die durch eine Schussverletzung oder einen Unfall im Dienst zustande gekommen sind, und solchen, die auf psychische Erkrankungen zurückgeführt werden. Bei Letzteren sollen die Pensionen gesenkt werden.

Dass jemand Angst vor Gittern oder einer Farbe entwickelt, ist medizinisch denkbar. „Grundsätzlich gibt es Phobien auf alles“, sagt Anke Weidmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Psychologie der Humboldt-Universität. „Es ist möglich, dass jemand, wenn er extrem belastende Erfahrungen in einem bestimmten Bereich wie zum Beispiel bei Gefängnisgittern gemacht hat, traumatische Phobien entwickelt.“ Aber es könne sich nur um sehr seltene, höchst individuelle Fälle handeln, sagt Weidmann. Christine Knaevelsrud vom Arbeitsbereich klinische Psychologie und Psychotherapie an der Freien Universität bestätigt: „Alles hat die Potenz, eine Phobie auszulösen.“ So seien zum Beispiel Ängste vor Knöpfen nicht selten. Dass eine spezifische Farbe wie Grün bei Polizisten Ängste auslösen könne, halte sie allerdings für sehr unwahrscheinlich.

Für Klaus Eisenreich, Sprecher der Gewerkschaft der Polizei, liegt das Problem nicht bei den Beamten, sondern bei der Verwaltung. „Viele Kollegen wollen nicht pensioniert werden. Aber die Behörden haben kein Konzept, wie sie Kollegen, die nicht mehr im Vollzugsdienst eingesetzt werden können, weiterbeschäftigen.“ Die beiden Fälle von Gitter-Phobie und Grün-Allergie habe es vermutlich gegeben, so Eisenreich, „aber die sind steinalt und werden vom Opa bis zum Enkel weiterkolportiert. Ich höre die jedenfalls schon seit 20 Jahren.“

Dass Landesbedienstete mit seltenen Leiden in den Ruhestand geschickt wurden, passierte immer wieder. So gab es bei einem Polizisten den Fall, dass ihn sein lädierter Zeigefinger, sein „Schussfinger“, direkt in die Pensionierung führte. Andererseits scheiterten auch Strafvollzugsbedienstete, die für ihren Job körperlich nicht mehr fit genug waren, mit ihrem Anliegen, eine andere Tätigkeit zu erhalten. Udo Badelt

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