Integration : Crash-Kurs im Islam

Die Polizei im Berliner Gesundbrunnen kooperiert mit dem Moscheeverein der Yunus Emre Moschee. In dem Problemkiez wollen Muslime und Beamte künftig voneinander lernen.

Jürgen Wutschke[ddp]

Berlin Im Schuhregal der Yunus Emre Moschee in Wedding liegen neben Sandalen und Slippern auch Polizeimützen. Sie zeugen von dem ungewöhnlichen Besuch in dem Gotteshaus. Die Gäste sind gekommen, um einen besonderen Vertrag zu unterzeichen. Polizei und der Moscheeverein wollen künftig noch enger zusammenarbeiten. Dazu unterschreiben der Religionsattaché des türkischen Konsulats, Lütfü Imamoglu und der Leiter der Polizeidirektion 3, Michael Krömer, in den Räumen der im Weddinger Ortsteil Gesundbrunnen gelegenen Moschee einen Vertrag. Auf acht Seiten ist dort schriftlich festgehalten, was seit Jahren schon versucht wird.

Im Mittelpunkt der Zusammenarbeit steht das gegenseitige Lernen, sagt Imamoglu. Man habe zu lange nicht miteinander geredet. Dabei könnten beide Seiten nur voneinander profitieren, erklärt der Attaché. Mit der Kooperation hätte die Gemeinde die Polizei nicht allein über religiöse Besonderheiten der muslimischen Berliner aufklären, sondern die Beamten auch im Umgang mit den Migranten beraten können. Demnächst werden die letzten rund 200 Polizisten des Unterabschnitts 36 ihren Crash-Kurs im Islam durch den Moscheevorstand erhalten.

Im Ortsteil Gesundbrunnen wohnen mehr als 80.000 Bewohner, ein so genannter Problemkiez. Die Polizei zählt die Prävention von Straftaten zu den Schwerpunkten ihrer Aufgabe. Dazu wurden vier Dienstgruppen gebildet, die "kieznah" arbeiten sollen, heißt es in der Kooperation. Der Ortsteil, heißt es weiter, gehöre mit einer "ungünstigen Sozialstruktur zu den sozialen Brennpunkten in Berlin". Beinahe jeder dritte Bewohner gehört zu einer Einwandererfamilie. Die Jugendkriminalitäts- und Arbeitslosenzahlen sind hoch.

Aggressionen stören den Dialog

Für Krömer bedeutet die Zusammenarbeit, den Gemeindemitgliedern zu zeigen aber auch selbst zu erfahren, "warum sich wer wie verhält". Im Mittelpunkt stehe die Hoffnung, auf Jugendliche zuzugehen. Dazu gehöre Verkehrserziehung, Gewaltprävention und die Vermittlung des Berufsbildes Polizeibeamter. Beide Seiten stellen feste Ansprechpartner in Problemfällen und Konfliktsituationen. Dennoch sei die Kooperation nur ein Mosaikstein der Integrationsarbeit, sagte Krömer. Man merkt ihm an, dass er weiß, dass der Dialog mit den Jugendlichen auf den Straßen oft von Aggressionen behindert wird.

Die Jugendlichen der dritten Generation verfügen oftmals über schlechte sprachliche Kompetenzen, beklagt auch Imamoglu. Sie sprächen schlecht Deutsch. Aber das Türkisch der Moscheen verstünden sie genau so wenig, da es vielfach religiöse Vokabeln enthalte. Doch die Kinder hätten auch in den muslimischen Gemeinden eine immer loser werdende Bindung an die Religion. Diese zu erreichen, sei auch für Gemeinde immer schwerer, beklagt Imamoglu.

"Wir rechnen das in Familien um"

Und dennoch setzt die Polizei auf die Autorität des Imams, Vorprediger und Vorbild der Gemeinde. Im Vertrag ist dies mit den Worten "anlassbezogene Vermittlung" beschrieben. Hubert Schuster, der Leiter des Führungsdienstes der Polizeidirektion, beschreibt eine solche Vermittlung. Die Beamten nehmen etwa einen Ladendiebstahl auf und sprechen damit in der Gemeinde vor. Deren Vorsitzender bespricht dann den Fall mit anderen Mitgliedern. "Und abends steht der reuige Sünder zusammen mit seinem Onkel bei der Polizei", fasst Schuster zusammen. Das sei in den vergangenen Jahren mehr als einmal passiert und kaum einer musste ein zweites Mal kommen.

Es gebe Untersuchungen, die zeigten, dass mit dieser Zusammenarbeit der Einstieg in kriminelle Karrieren verhindert werden könne, sagt Schuster. An manchen Tagen, fügt Imamoglu hinzu, würden in die Yunus Emre Moschee bis zu tausend Leute zum Gebet kommen. Schuster sagt: "Wir rechnen das in erreichbare Familien um."

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