Jüdische Gemeinde : Berlins Juden liefern sich erbitterten Streit

Am Sonntag wählt die jüdische Gemeinde ein neues Parlament, das Ergebnis wird über die Zukunft des Vereins entscheiden. Aber ob die Gemeinde trotz erbitterter Streitereien um die Rolle der russischen Juden und Korruptionen noch die Kurve kriegt?

Esteban Engel[dpa]

BerlinUnter Berlins Juden gibt es Zoff: Seit Monaten tobt zwischen den gewählten Repräsentanten der Gemeinde ein erbitterter Streit. Die Stimmung ist gereizt, im schrillen Machtkampf spielen auch Rechtsanwälte eine wichtige Rolle. Betrug, Miss- und Vetternwirtschaft lauten die Vorwürfe - und wenig deutet darauf hin, dass sich nach der Wahl zum neuen Gemeindeparlament an diesem Sonntag (25. November) die Wogen glätten könnten. Als "katastrophal" beschreibt der Gemeindeälteste Isaak Behar die verfahrene Lage.

Bei all dem Streit geht es im Kern um die Frage, wie sich Deutschlands größte jüdische Gemeinde in Zukunft entwickeln soll. Mit ihren 12.000 Mitgliedern steht sie vor einem historischen Umbruch. Noch bis zum Mauerfall wurde das traditionell liberale Berliner Judentum von Holocaust-Überlebenden und ihren Nachfahren geprägt. Seit 1990 sind immer mehr mehr Juden aus der ehemaligen Sowjetunion in die Hauptstadt gekommen. Sie stellen jetzt etwa zwei Drittel der Mitglieder. Viele sind Akademiker und Künstler, die zum Wiederaufleben jüdischer Kultur in Berlin beigetragen haben. Vor Hitlers Machtübernahme lebten in Berlin rund 160.000 Juden.

Russischer Kulturverein oder Verein Jüdischer Gemeinde?

Berlins Gemeinde beschäftigt etwa 400 Angestellte und verfügt über einen Etat von 25 Millionen Euro, der vor allem vom Land Berlin getragen wird. Sie unterhält Kindergärten, Schulen und Pflegeheime, besitzt ein koscheres Restaurant und veranstaltet jedes Jahr die Jüdischen Kulturtage und ein Filmfestival. Viele Zuwanderer finden in der Gemeinde eine soziale Absicherung. Im Oktober eröffnete die orthodoxe Weltbewegung Chabad Lubawitsch ein neues Zentrum in der Nähe des Kurfürstendamms. Das Mitteilungsblatt "Jüdisches Leben" erscheint mittlerweile zweisprachig auf Deutsch und Russisch.

Viele Alteingesessene fühlen sich angesichts des rasanten Wandels an den Rand gedrängt. Im April kündigte der Historiker Julius Schoeps, Leiter des Moses-Mendelssohn-Zentrums der Universität Potsdam, die Gründung einer "Austrittsgemeinde" an. Bis zu 350 Mitglieder wollten der Gemeinde den Rücken kehren. "Sie sind nicht mehr einverstanden mit dem derzeitigen Kurs", die Gemeinde ähnele mehr einem "russischen Kulturverein" als einem religiösen Zusammenschluss, erklärte Schoeps.

Andere kritisieren, dass die Verbindung der Einwanderer zum Judentum eher schwach ist. Tatsächlich sind vielen osteuropäischen Juden angesichts der Verfolgung zu Sowjetzeiten die Traditionen fremd. Doch bisher konnte die Spaltung abgewendet werden.

Betrugsvorwürfe schadeten dem Ansehen der Gemeinde

Vorläufig letztes Kapitel im Dauerknatsch ist der gescheiterte Misstrauensantrag gegen den Gemeindevorsitzenden Gideon Joffe. Der Unternehmensberater hatte vor zwei Jahren den Posten von Rechtsanwalt Albert Meyer übernommen, der nach Betrugsvorwürfen zurückgetreten war. Die Anschuldigungen gegen Meyer erwiesen sich als haltlos, sie hinterließen aber einen bitteren Nachgeschmack. Nun werfen Meyer und andere Repräsentanten dem 35-jährigen Joffe vor, er habe Unbefugten Zugang zu sensiblen Daten erlaubt. Der scheidende Bildungsdezernent Peter Sauberbaum verglich die Sitzung, bei der über die Absetzung abgestimmt wurde, mit einer "Wirtshausschlägerei".

Als schillernder Königsmacher gilt Arkadi Schneiderman. Der aus Weißrussland stammende Journalist hatte Joffe zunächst unterstützt, versagte ihm aber vor den Wahlen jede Hilfe. Der 72-Jährige gründete das Wahlbündnis "Tachles", das gegen "Endlosdiskussionen" und für "Transparenz" eintritt und vor allem russische Einwanderer ansprechen will. Auch andere Gruppierungen, die sich um die 21 Sitze im Gemeindeparlament bewerben, versprechen eine Runderneuerung. Im Januar soll aus dem Parlament der Vorsitzende gewählt werden.

Einen Vorschlag zur Befriedung machte unterdessen der Rabbiner Chaim Rozwaski. Die Jüdische Gemeinde zu Berlin sollte sich in Zukunft in "Heilige Gemeinde von Berlin" umbenennen. Sein Kollege Andreas Nachama zweifelte in der "Berliner Zeitung" angesichts der Differenzen an der Wirkung solcher Appelle zum inneren Frieden: "Selbst 21 Engel müssten scheitern", sagte er.

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