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Stadtentwicklung : Mit Berlin geht’s aufwärts – doch viele bleiben abgehängt

Stadt der Extreme: Die Kluft zwischen Arm und Reich wird in Berlin immer größer, die Sozialausgaben werden dramatisch steigen. Nach Ansicht von Experten kann die Politik die Probleme "kaum bewältigen".

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Armut in Berlin.
Armut in Berlin.Foto: dpa

Auf Berlin kommen enorme Herausforderungen zu. Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich sowie die dramatische Zunahme von Sozialausgaben sind Probleme, die aus Sicht von Fachleuten wie dem Stadtsoziologen Hartmut Häussermann „kaum zu bewältigen“ sind. Das führt dazu, dass Berlin zunehmend zu einer Stadt der Extreme werden dürfte: Einerseits ziehen immer mehr junge, gutverdienende Menschen hierher, andererseits nimmt die Zahl derjenigen dramatisch zu, die bis an ihr Lebensende auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. Eine Folge sind, wie gestern berichtet, explodierende Ausgaben bei Grundsicherung, Pflege und sonstigen Hilfen in Notlagen.

Die „Gerechtigkeitslücke“, wie der CDU-Sozialpolitiker Gregor Hoffmann die wachsende soziale Kluft nennt, zeigt sich in allen Altersgruppen: Manche Kinder erhalten von den Eltern jede denkbare Unterstützung, andere leben am Rand des Existenzminimums. Laut Kinderschutzbund ist in Berlin die Zahl der hilfebedürftigen Kinder 2009 angestiegen, nirgendwo in Deutschland gebe es so viele arme Kinder wie in der Hauptstadt. Genauere Zahlen dazu will der Verein am heutigen Mittwoch vorstellen.

Am stärksten von Armut bedroht sind die 18- bis unter 25-Jährigen. Fast ein Drittel der Berliner in dieser Altersgruppe ist von Armut betroffen, meldete das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg vor kurzem. Arm ist laut Definition, wer über ein Einkommen von weniger als 742 Euro im Monat verfügt. Insgesamt war in der Hauptstadt jeder Siebte von Armut bedroht, vor allem Alleinlebende, Alleinerziehende und ihre Kinder sowie Familien mit mehr als zwei Kindern. Mitentscheidend für die Armutsgefährdung sind auch Bildungs- und Ausbildungsgrad sowie die Herkunft: Ein Viertel aller Berliner aus Einwandererfamilien ist arm – bei Berlinern mit deutschen Vorfahren ist es nur jeder zehnte.

Auf der anderen Seite leben in Berlin auch überdurchschnittlich viele Menschen, denen es materiell gut geht: Der Anteil derer, die mindestens das Doppelte des Mittelwerts verdienen, liegt in Berlin laut Statistik bei 9,3 Prozent – der Bundesdurchschnitt liegt bei 7,8 Prozent.
Ältere Berliner sind – noch – unterdurchschnittlich von Armut bedroht, wie die Statistiker ausführen. Das dürfte sich allerdings bald ändern, wie Soziologe Häussermann prognostiziert. Er erwartet eine „Rückkehr der Altersarmut“, wie sie zuletzt in den 1950er und 1960er Jahren registriert wurde. Betroffen seien etwa frühere DDR-Bürger, die zur Wendezeit etwa 50 Jahre alt waren und von Arbeitslosigkeit „erwischt wurden“. Viele von ihnen leben in Lichtenberg, Hellersdorf und Marzahn-Nord. Aber auch in Wedding, Kreuzberg und Neukölln steigt die Armut. Dort leben viele Migranten, die nach dem Abbau der subventionierten Industrie Westberlins ihre Arbeit verloren. Als weitere „Risikogruppe“ nennt Häussermann Frauen: Deren Erwerbsbiografie sei oft durch eine Kinderpause unterbrochen. Weil sie außerdem für die gleiche Arbeit oft weniger verdienen als Männer, sei ihre Rente besonders niedrig.
Anfang des Jahres hatte Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) ihren Bericht über die soziale Lage vorgestellt. Demnach fächert sich Berlin immer stärker in gute und schlechte Lagen auf. Zwar entspannte sich die Lage in dem zuletzt untersuchten Zeitraum, 2008. Doch obwohl mehr Menschen Jobs bekamen, war die Entwicklung in den Brennpunkten weniger dynamisch als in den bürgerlichen Teilen der Stadt. „Der Abstand wächst“, sagt Häussermann, der den Bericht verfasst hatte.

Die Opposition sieht eine Mitschuld beim Senat. Ramona Pop, Fraktionschefin der Grünen im Abgeordnetenhaus, und Gregor Hoffmann, sozialpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, sehen das Hauptproblem in der rot-roten Wirtschaftspolitik, die zu wenige ordentlich bezahlte Arbeitsplätze geschaffen habe. Auch würden soziale Mittel nicht differenziert genug eingesetzt. Auch Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) will angesichts der explodierenden Sozialkosten gegensteuern. Auf einer Veranstaltung des Verbandes Berliner Kaufleute und Industrieller am Montag forderte er mehr Transparenz im Bereich der Pflege und der sozialen Träger, „damit das Geld bei den Bedürftigen ankommt und nicht in Leitungsnetzen versickert“. Es gehe darum, Kostenstrukturen vergleichbar zu machen. Dazu sollten die Träger ihre Bücher öffnen. Da der Staat der einzige Auftraggeber sei, müsse er bei der Höhe der Gewinne ein Mitspracherecht haben.

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